Die Sommer werden heißer, die Hitzetage häufiger – und unser Körper gerät dabei schneller an seine Grenzen, als vielen bewusst ist. Hohe Temperaturen belasten Herz, Kreislauf und Atmung, erschweren Sport und Arbeit und stellen für bestimmte Gruppen ein ernstes Gesundheitsrisiko dar. In dieser Podiumsdiskussion beleuchtetenUniv.-Prof. Dr.med. Wolfgang Schobersberger (Leiter des Instituts für Sport-, Alpinmedizin & Gesundheitstourismus), Priv.-Doz. Dr. Benedikt Treml, MBA (Ärztl. Leiter Allg. u. chir. Intensivstation an der Univ.Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin) und Fr. Dr.in Theresa Geley (Gesundheitsdirektorin Land Tirol), wie Hitze unseren Körper beeinflusst.

Was passiert mit unserem Körper bei großer Hitze?
Der menschliche Körper ist auf ungefähr 37°C Kerntemperatur geeicht und ist bei Schwankungen nach oben sehr empfindlich. Erhöht sich die Kerntemperatur aufgrund der Umgebung oder aufgrund von Anstrengungen, kann der Körper sich bis zu 39°C noch sehr gut selbst regulieren (Das gilt nicht bei krankheitsbedingtem Temperaturanstieg!). Allerdings muss das menschliche Herz bei einem Anstieg der Körpertemperatur um nur 1,5°C bereits doppelt so viel pumpen wie im Normalzustand. Dies ist für gesunde Menschen unbedenklich, doch wird besonders dann problematisch, wenn man von Herzkreislauf-Erkrankungen betroffen ist. Übersteigt die Körperkerntemperatur 39°C, setzen die Regulationsmechanismen des Körpers aus.
Hitze-assoziierte Probleme und Erkrankungen
Wenn man sich bei großer Hitze und/oder direkter Sonneneinstrahlung für längere Zeit im Freien aufhält, kann es zu Problemen kommen. Dieser Effekt wird durch körperliche Anstrengung zusätzlich verstärkt. Häufig treten Krämpfe, Sonnenstiche, Kollapse und Sonnenbrände auf. Die schwerste hitze-assoziierte körperliche Beeinträchtigung ist der Hitzschlag. Dieser tritt ab einer Körperkerntemperatur von 40°C auf und äußert sich vor allem durch neurologische Zeichen, wie zum Beispiel Verwirrtheit. Warnzeichen für diese Erkrankungen äußern sich beispielsweise durch Kopfschmerzen oder Schwindelgefühl. Es ist wichtig, auf diese Warnsignale zu hören, bevor schwerwiegendere Probleme auftreten.
Tropennacht
Hitze kann allerdings nicht nur bei körperlicher Anstrengung belastend sein. Auch im Arbeitsalltag ist Hitze kräfteraubend, genauso wie im Schlaf. Unter dem Begriff „Tropennacht“ versteht man in diesem Kontext keinen Urlaub auf Bali, sondern hiesige Sommernächte, in denen die Temperatur nicht unter 20°C sinkt. Dadurch reguliert sich die Körpertemperatur im Schlaf nicht ausreichend nach unten, wie im Normalfall üblich und wichtig für den Erholungseffekt. Dr.in Geley empfiehlt daher atmungsaktive Bettwäsche und Kleidung sowie Lüften und kühle Duschen vor dem Schlafengehen.

Wer ist von Hitze-assoziierten Problemen betroffen?
Dr. Schobersberger betont: „Jede und jeder war schon einmal von Hitzeproblemen betroffen.“ Das läge unter anderem daran, dass viele nicht wüssten, wann eine Situation „richtig ernst“ wird. Häufig verhält man sich bei Hitze falsch, vor allem im Sport und bei körperlicher Arbeit. Die häufigsten Probleme treten auf, wenn man „zu schnell, zu ungeschützt und zu ehrgeizig ist und zu wenig getrunken hat“, so Schobersberger und Treml.
Vulnerable Gruppen
Dr.in Geley merkt an, dass es durchaus Personengruppen gibt, die stärker unter Hitzeproblemen leiden als der Durchschnitt. Vor allem ältere und chronisch kranke Menschen müssen besonders darauf achten, sich bei Hitze keiner großen Anstrengung auszusetzen und sich richtig zu schützen. Dabei betont Geley, dass auch Bekannte und Nachbarn regelmäßig nach älteren Menschen schauen sollten.
Präventionsmaßnahmen
„Information ist Prävention“, weiß Dr. Schobersberger. Dazu gehört auch das Wissen, dass „Hitze“ nicht nur von der Außentemperatur beeinflusst wird: ebenso spielen die Luftfeuchtigkeit und die direkte Sonneneinstrahlung eine Rolle. Vor Hitze schützen kann sich jede und jeder am besten durch Kleidung. Bei Bewegung im Freien sollte immer eine Kopfbedeckung getragen und Sonnencreme verwendet werden. Auch ein Nackenschutz und schweißdurchlässige Funktionskleidung sind an heißen Sommertagen äußerst empfehlenswert. Diese Empfehlungen gelten nicht nur für Sport im Freien, sondern für jede Art von Tätigkeit, wie zum Beispiel Gartenarbeit.

Sport bei Hitze
Beim Sport ist es vor allem wichtig, ausreichend zu trinken. Doch Wasser allein reicht nicht immer aus, erklärt Dr. Schobersberger: bei sportlichen Aktivitäten von mehr als einer Stunde am Stück sollte man zusätzlich Elektrolyte zu sich nehmen, vor allem Natrium. Dazu müsse man jedoch keine teuren Gels oder Pulver kaufen – verdünnte Fruchtsäfte reichen aus.
Hobbysport vs. Leistungssport
Hobbysportler:innen können sich in der Regel aussuchen, wann sie Sport machen. An einem besonders heißen Tag wäre es laut Dr. Schobersberger deshalb ratsam, das Training in die frühen Abendstunden zu verlegen oder ausfallen zu lassen. Leistungssportler:innen oder Sportler:innen in einem Verein müssen sich jedoch an vorgegeben Trainingszeiten und -orte halten. In diesem Fall obliegt es vor allem der Verantwortung der Trainer:innen, dass ein Hitzeschutzkonzept vorhanden ist. Besonders kurze und dabei intensive Anstrengungen sollten bei Hitze in jedem Fall vermieden werden.
Arbeit bei Hitze
„Es gibt laut Gesetz keinen Anspruch auf hitzefreie Arbeits- oder Schultage“, erklärt Dr.in Geley. Vor kurzem hat die österreichische Bundesregierung jedoch die Hitzeschutz-Verordnung ab 30°C für Berufe im Freien erlassen, die gefährdete Berufsgruppen betrifft. Dazu gehören Bauarbeiter:innen, Gärtner:innen, Dachdecker:innen und viele mehr. In diesen Berufsgruppen muss schwere körperliche Arbeit auch bei Hitze erbracht werden. Die Hitzeschutzverordnung verpflichtet Arbeitgeber:innen dazu, ein Hitzeschutzkonzept für den eigenen Betrieb auszuarbeiten und bei Temperaturen über 30°C entsprechend umzusetzen. Konkrete Maßnahmen zu Gefahrenvermeidung sind: Z.B. Vorverlegung des Arbeitsbeginns, Verlängerung oder zusätzliche Pausen, Beschattung der Arbeitsplätze, Duschgelegenheiten, Einsatz von Ventilatoren, luftdurchlässige Kleidung und Schutzkleidung, die gegen natürliche UV-Strahlung schützt, Kopf- und Nackenschutz, Sonnenbrillen, Sonnenschutzcreme, kühlende Kleidung (z.B.: Kühlwesten, Kühlkappen und Kühlnackentücher), Zurverfügungstellen von Trinkwasser oder alkoholfreien Getränken.
Hilfe im Akutfall
Im Fall einer Hitze-assoziierten Krankheit ist der Notruf zu wählen. Akut ist es wichtig, dass sich die betroffene Person an einer schattigen Stelle hinsetzt und anschließend extern gekühlt wird, zum Beispiel durch feuchte Tücher oder einen Ventilator, bis Sanitäter:innen eintreffen. In schwerwiegenden Fällen wird ein:e Notarzt oder Notärztin hinzugezogen. Dr. Treml berichtet von einer Erfahrung als Notarzt bei der Trailrun-WM: „Die Kernkörpertemperatur einer Läuferin war auf 41°C gestiegen, was ein äußerst kritischer Wert ist. Sie musste mehrere Minuten lang in einem Eisbad gekühlt werden. Anhand dieses Beispiels wird deutlich, wie sehr man Sport bei Hitze unterschätzt.“

Verbreitete Mythen
Die Diskussionsteilnehmer:innen betonen, dass im Hinblick auf Schutz vor Hitze weit verbreitete Mythen existieren, die aufgeklärt werden müssen.
- „Nur die Harten kommen durch“/“Männer brauchen keinen Schutz“: Diese Einstellung ist nicht nur im Kontext von Hitze Gang und gäbe, doch sie könnte nicht unzutreffender sein. Fehlende Schutzvorkehrungen führen zu schwerwiegenden Problemen und Krankheiten.
- „Nach einem anstrengenden heißen Tag sollte man etwas Deftiges essen“: Tatsächlich benötigt das Verdauen von üppigen Mahlzeiten sehr viel Energie, wodurch zusätzlich Wärme im Körper produziert wird. Deshalb ist es ratsam, an heißen Tag nur leichte Kost zu sich zu nehmen.
- „Wer weniger trinkt, erzielt bessere Ergebnisse im Training“: Ohne Flüssigkeit dehydriert und überhitzt unser Körper. Die Einnahme von Wasser und Elektrolyten beim Training ist notwendig, um überlebenswichtige Nährstoffe aufzunehmen.
- „Man kann nicht zu viel trinken“: Zu viel Flüssigkeit in einem kurzen Zeitraum kann dazu führen, dass der Salzgehalt im Blut zu sehr verdünnt wird. Als „zu viel“ definiert Dr. Treml hier vier Liter Wasser innerhalb von zwei Stunden bei großer Hitze.
Die Bedeutung von Grünflächen
Was Grünflächen innerhalb der Stadt angeht, schneidet Innsbruck von allen Städten Österreichs am schlechtesten ab. Verbaute Flächen heizen sich viel stärker auf als Grünflächen, weshalb es in Innsbruck mehr Hitze-Inseln gibt als Kühl-Oasen. Fehler, die in der Vergangenheit bezüglich der Stadtplanung gemacht worden sind, fallen nun stark ins Gewicht. Dr.in Geley betont, dass die Begrünung an öffentlichen Plätzen in Zukunft berücksichtigt werden wird.
Was können Städte und Gemeinden unternehmen?
Besonders wichtig ist das Schaffen von öffentlich zugänglichen natürlichen oder künstlichen kühlen Orten. Ein natürlicher kühler Ort wäre zum Beispiel ein Park, ein künstlicher zum Beispiel ein gekühltes Zimmer in einer öffentlichen Einrichtung. Ein weiterer Punkt ist die Zugänglichkeit zu kostenlosem Trinkwasser – das Trinkwasserbrunnen-Mapping (Trinkwassermapping Tirol | Land Tirol) des Landes Tirol, das über 1.500 Trinkwasserbrunnen erfasst, bietet hierzu einen kompakten Überblick für alle Tiroler Gemeinden und wird ab Ende Mai auch in der Tirol-App abrufbar sein. Land Tirol App | Land Tirol
MOUNTADAPT
Das EU-weite Projekt „Mountadapt“ zielt darauf ab, die Widerstandsfähigkeit von Gesundheitssystemen in europäischen Berg- und Alpenregionen gegenüber den Folgen des Klimawandels zu stärken. Das Land Tirol und die tirol kliniken nehmen an dem Projekt teil, wobei sich das Land an der Forschung zur Verbreitung von Tigermücken in Europa beteiligt und die tirol kliniken bauliche Sanierungsarbeiten vornehmen, um für den Klimawandel gerüstet zu sein. „Tigermücken übertragen verschiedene Krankheitserreger und breiten sich aufgrund der Klimaerwärmung auch in Europa aus. Für Tirol kann noch Entwarnung gegeben werden, doch in anderen Regionen Österreichs wurden bereits Populationen verzeichnet“, berichtet Dr.in Geley. Mehr Informationen finden Sie hier: The Project – Mountadapt
Das gesamte Gesundheitsgespräch können Sie sich hier ansehen:


