Zwischen Hungerwahn und Fressanfällen

Essstörungen gehören zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Die Zahl der Erkrankten scheint zwar konstant zu bleiben, doch die Betroffenen werden immer jünger.

 

„Meist treten Essstörungen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren auf, in Einzelfällen aber auch viel früher. Unsere jüngsten PatientInnen waren erst neun Jahre alt“, erzählt Kathrin Sevecke, ärztliche Leiterin der Abteilungen für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie -psychotherapie in Hall und Innsbruck.

Die Bandbreite der Essstörungen reicht von Anorexie (Magersucht) über Bulimie (Ess-Brech-Sucht) bis zur Binge-eating-Störung (Essattacken und damit verbundenes Übergewicht). Mischformen und Übergänge bei den einzelnen Essstörungen sind keine Seltenheit.

Prof. Kathrin SEVECKE, ärztliche Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie -psychotherapie in Hall und Innsbruck

Was die genauen Ursachen für Essstörungen sind, lässt sich so nicht sagen. Klar ist aber, dass meist mehrere Faktoren mitspielen. Ausschließlich mediale Einflüsse lösen noch keine Essstörung aus. Kommen dann aber etwa genetische Faktoren, schwierige Familienverhältnisse oder das Erleben eines Traumas dazu, kann es schwierig werden.

 

Komplexe Therapie

So komplex die Entstehung einer Essstörung ist, so vielschichtig ist auch die Therapie. „In der Praxis hat sich ein interdisziplinäres Behandlungskonzept bewährt – bestehend aus Psychotherapie (Einzel und Gruppe), Kunsttherapie, Tanztherapie, Physiotherapie, Sozialarbeit, Ergotherapie, Ernährungstherapie, Reittherapie und gruppenpädagogischen Angeboten wie Ausflügen“, führt Sevecke aus.

Eine Ernährungstherapie hilft den Betroffenen, einen gesunden Zugang zu Nahrungsmitteln und dem Essverhalten zu finden. Das Behandlungskonzept werde gut angenommen, so Sevecke, „Wir wollen mit unserer Arbeit Rahmenbedingungen schaffen, welche eine Veränderung des auffälligen Essverhaltens möglich machen. Wir möchten PatientInnen einen ,normalen‘ und ,gesunden‘ Umgang mit Mahlzeiten vermitteln und ein Kalorienzählen vermeiden. Deshalb sind wir davon abgekommen, mit den PatientInnen über eine bestimmte Kalorienzahl zu sprechen. Doch selbstverständlich dokumentieren wir den Gewichtsverlauf. Es geht um einen bewussten Umgang mit Nahrung. Das Kalorienzählen kennen die meisten unserer Patientinnen und Patienten aus dem Alltag. Dieses Muster möchten wir durchbrechen“, erläutert Sevecke.

 

Gute Heilungschancen

Die Heilungschancen bei Essstörungen sind gut, doch leider kommt es auch zu Rückfällen. Denn zuhause in der Familie ist es oft schwieriger, ausreichend und regelmäßig zu essen und die Patienten fallen in alte Verhaltensmuster zurück. „Zur Unterstützung für die Zeit nach der stationären Therapie bieten wir nun auch ein Nachsorgeprogramm an“, erzählt Sevecke.

Grundsätzlich lässt sich aber festhalten: Je früher die Erkrankung erkannt wird und je klarer die Bezugspersonen im Umgang damit sind, umso besser lässt sie sich behandeln. Bereits bei den ersten Anzeichen sollte ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. „Wenn der oder die Betroffene schnell Gewicht verliert, Essen versteckt, die Nahrungsaufnahme in Gesellschaft verweigert und vermehrt Sport betreibt, könnte das auf die Entwicklung einer Essstörung hinweisen“, warnt Sevecke.

 

Pro Jahr werden rund 70 PatientInnen mit Essstörungen ambulant und stationär an der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt. Im stationären Bereich entspricht das einer Auslastung von über 100%. Bei 15% der Jugendlichen benötigt es mehrere stationäre Aufenthalte, damit ein nachhaltiger Veränderungsprozess stattfinden kann.

 

Links:

Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am LKH Hall/Bereich Essstörungen

 

Bilder: schafgans dgph, pixabay

 

 

 

 

 

 

 

 

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