Psychiatrische Pflege bedeutet mehr als Beobachtung, Versorgung und Medikamentengabe. Sie bedeutet Beziehung und Begleitung. Und Menschen mit psychischen Erkrankungen dabei zu unterstützen, in belastenden Situationen handlungsfähig zu bleiben. Ein zentrales Instrument dafür ist die Skillsarbeit.
Maria Staud ist Diplompflegerin auf der Station Psychiatrie 1 Nord der Univ.-Klinik für Psychiatrie Innsbruck. Mehr als zwanzig Patient:innen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Depressionen oder Suchterkrankungen werden dort im offenen und geschlossenen psychiatrischen Bereich behandelt. Als ausgebildete Skills-Trainerin hat Maria Staud die Methodik der Skillsarbeit erfolgreich in der Pflegepraxis ihrer Station etabliert.
Fertigkeiten zur Alltagsbewältigung stärken
Ihren Ursprung findet die Skillsarbeit in den 1990er-Jahren als elementarer Bestandteil der dialektisch-behavioralen Therapie (DBT) für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung. Mittlerweile kommt die Skillsarbeit auch bei Depressionen und Suchterkrankungen zum Einsatz – teils unabhängig von psychotherapeutischer Begleitung. Ziel ist es, individuelle „Skills“ – also Fertigkeiten – zu entwickeln, um belastende Situationen im Alltag gesund bewältigen zu können.
„Viele psychiatrische Patienten haben im Laufe ihres Lebens dysfunktionale Bewältigungsstrategien entwickelt, die in Belastungssituationen zwar kurzfristig Entlastung bringen, langfristig jedoch schädlich sind.“, schildert Maria Staud. Als Beispiel nennt sie den Alkoholkonsum in Stresssituationen: „Zuerst hilft es den Personen, der Alkohol schafft kurzfristig Entspannung und Erleichterung, doch daraus entwickelt sich auf lange Sicht oft ein Suchtverhalten mit gesundheitlichen Schäden.“ Auch vermeintliche Normalitäten des Alltags können für psychisch erkrankte Personen eine Belastung darstellen. „Wenn ein Tag mit fünf Terminen ansteht, bedeutet das eine enorme Stresssituation für viele Patienten. Hier können wir mit Skills gegenwirken und Strategien entwickeln.“
Die Skillsarbeit gliedert sich in vier zentrale Bereiche:
- Achtsamkeit
- Emotionsregulation
- Zwischenmenschliche Fertigkeiten
- Stresstoleranz
Je nach Krankheitsbild und Situation werden die vorhandenen „Skills“ von den Pflegepersonen bedürfnisorientiert ausgewählt und angewandt. Die Skillsarbeit hat dabei keinen therapeutischen Hintergrund, sie ist als pädagogisches Thema im Pflegealltag integriert und stellt für Maria Staud ein „besonderes Alleinstellungsmerkmal der psychiatrischen Pflege“ dar.
Der Skillskoffer als zentrales Tool
Ein wichtiges Werkzeug der Skillsarbeit ist der sogenannte „Skillskoffer“. Darin befinden sich unterschiedlichste Skills, die von Pflegepersonen verwendet werden können, um Patient:innen in der Akutversorgung zu unterstützen. Enthalten sind zum Beispiel:
- Saure oder scharfe Zuckerl
- Akkupressurringe
- Igelbälle
- Duftöle
- Riechsalze
- Gummibänder
- Wäscheklammern
- Achtsamkeitsübungen



„Bei Borderline-Patienten werden saure oder scharfe Zuckerl gerne in Hochspannungszuständen und Stresssituationen verwendet, um die Stresstoleranz zu regulieren“, schildert Maria Staud die Vorgehensweise. „Bei Personen mit depressiven Erkrankungen brauchen wir andere Skills, da steht meist die Emotionsregulation im Vordergrund“. Besonders im geschlossenen psychiatrischen Bereich sowie im qualifizierten Entzug zeigt sich eine hohe Wirksamkeit dieser nicht-medikamentösen Stabilisierungsmaßnahmen.
Von Verzweiflung zum Erfolgserlebnis
Maria Staud ist aktuell die einzige ausgebildete Skills-Trainerin an der Univ.-Klinik für Psychiatrie I. Und dafür hat sie lange gekämpft: „Am Anfang stand eigentlich meine persönliche Frustration über fehlende Lösungskonzepte. Ich habe mich dann selbst schlau gemacht und in die Skillsarbeit eingelesen, bis ich die offizielle Ausbildung dazu machen durfte.“ Unterstützung erhielt Maria Staud von Wolfgang Egger, Bereichsleiter der Psychiatrie, und Tobias Figl, leitender Diplompfleger der Psychiatrie I Nord.

Inzwischen arbeiten nicht nur alle Stationen der Psychiatrie I mit der Methodik und eigens ausgestatteten Skillskoffern, auch häuserübergreifend wie zum Beispiel in der Internistischen Notaufnahme im MZA ist das Konzept im Einsatz. Vor Kurzem hat das Team auch ein internes Schulungskonzept gestartet, um Pflege und Ärzt:innen mit der Skillsarbeit und der bewussten Nutzung der Skills vertraut zu machen. Gemeinsam mit Herrn Dr. Philipp Nelles und Frau Dr. Christina Kirchhoff wurden außerdem eigene Pocketcards entwickelt, welche die Dos and Don’ts in der Patient:innen-Interaktion übersichtlich zusammenfassen und diensthabenden Ärzt:innen als schnelles Hilfsmittel dienen.
„Was wir in der letzten Zeit geschafft haben, ist sensationell!“, freut sich Maria Staud über den bisherigen Erfolg und blickt optimistisch in die Zukunft: „Ich bin gespannt, was sich heute in einem Jahr in Sachen Skillsarbeit noch bei uns getan haben wird!“
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