Essstörungen bei Jugendlichen: Gemeinsam verstehen, gemeinsam behandeln

Essstörungen bei Jugendlichen: Gemeinsam verstehen, gemeinsam behandeln

Essen versorgt unseren Körper mit Energie, ist Teil unseres Alltags und prägt soziale Beziehungen. Gerade im Jugendalter kann das Verhältnis zum Essen jedoch aus dem Gleichgewicht geraten. Was als Ernährungsumstellung beginnt, kann zu einer ernsthaften Erkrankung werden. Essstörungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Jugendalter. Sie betreffen nicht nur das Essverhalten, sondern beeinflussen auch körperliche und psychische Gesundheit der Betroffenen sowie ihr soziales Umfeld.

Dass Essstörungen eine ganzheitliche Betrachtung erfordern, stand im Mittelpunkt der Fortbildungsveranstaltung „Essstörungen: Eine Stimme – viele Perspektiven. Netzwerke aufbauen, Essstörungen gemeinsam begegnen“ am Landeskrankenhaus Universitätskliniken Innsbruck. Anhand eines Fallbeispiels zeigten die Referent:innen, wie Diagnostik, Behandlung und Nachsorge bei Essstörungen ineinandergreifen und warum dafür die Zusammenarbeit zahlreicher Berufsgruppen notwendig ist.

Wenn Essen zum Problem wird

Essstörungen können vielseitig sein. Sie entwickeln sich meist nicht infolge einer einzigen Ursache, sondern sind auf ein Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren zurückzuführen. Zu den häufigsten Essstörungen im Jugendalter zählen Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) und die Binge-Eating-Störung.

Essstörungen sind vielseitige und komplexe Erkrankungen. (c) Foto von Annie Spratt auf Unsplash

Auffälliges Essverhalten wird häufig als Bewältigungsstrategie für innere Belastungen, Ängste oder Konflikte genutzt. Für Fachpersonen ist deshalb nicht nur entscheidend, was gegessen wird, sondern auch, welche Gedanken und Gefühle mit dem Essen verbunden sind. Hinweise auf ein problematisches Essverhalten können strenge Essens-Regeln, die Vermeidung ausgewählter Nahrungsmittel, permanentes Kalorienzählen, Schuldgefühle nach dem Essen oder ausgleichende Maßnahmen zur Gewichtsregulation sein. Ein starker Gewichtsverlust und körperliche Veränderungen können Warnsignale darstellen.

Anorexia nervosa: Die Anorexia nervosa (Magersucht) ist durch starkes Untergewicht, eine intensive Angst vor Gewichtszunahme und eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers gekennzeichnet. Betroffene schränken ihre Nahrungsaufnahme stark ein und beschäftigen sich übermäßig mit Essen, Gewicht und körperlicher Aktivität. Die Folgen: Mangelerscheinungen, hormonelle Veränderungen, Herz-Kreislauf-Probleme, Konzentrationsstörungen uvm. In schweren Fällen kann Magersucht tödlich sein.

Bulimia nervosa: Bei der Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) erleben Betroffene wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust. Anschließend wird versucht, die aufgenommenen Kalorien durch Erbrechen, Fasten oder übermäßige Bewegung wieder auszugleichen. Da viele Betroffene ein normales oder nur leicht erhöhtes Körpergewicht haben, bleibt die Erkrankung häufig lange unerkannt. Die körperlichen Folgen können dennoch erheblich sein und reichen von Elektrolytstörungen bis zu Schäden an Zähnen und Verdauungstrakt.

Binge-Eating-Störung: Auch die Binge-Eating-Störung ist von wiederkehrenden Essanfällen gezeichnet. Anders als bei der Bulimie folgen darauf jedoch selten Maßnahmen zur Gewichtsreduktion. Typisch sind das Gefühl des Kontrollverlusts, heimliches Essen sowie Scham- und Schuldgefühle nach Essanfällen. Die Erkrankung kann mit Übergewicht einhergehen, für Betroffene entsteht durch das gestörte Essverhalten häufig ein erheblicher Leidensdruck.

Fortbildung: Viele Perspektiven, ein gemeinsames Ziel

Unter dem Titel „Eine Stimme – viele Perspektiven: Netzwerke aufbauen, Essstörungen gemeinsam begegnen“ standen die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Vernetzung verschiedener Berufsgruppen im Fokus.

Interdisziplinäre Fortbildung für interdisziplinäre Behandlung.

Vertreter:innen aus Pädiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychologie, Psychotherapie, Pflege und Ernährungsberatung machten deutlich, dass erfolgreiche Behandlung nur dann gelingen kann, wenn medizinische, psychologische, ernährungstherapeutische und familiäre Aspekte gleichermaßen berücksichtigt werden.

Der erste Schritt: Umfassende Abklärung

Am Behandlungsbeginn steht eine sorgfältige Diagnostik. Bei der ambulanten Erstvorstellung erfolgen körperliche Untersuchung, Anamnese, Laboranalysen und weitere Untersuchungen wie ein EKG. Je nach Situation können weitere diagnostische Maßnahmen notwendig werden, wie zum Beispiel eine Echokardiographie oder Knochendichtemessung. Mögliche körperliche Folgen der Essstörung sollen frühzeitig erkannt werden, um den Gesundheitszustand umfassend einzuschätzen. Besondere Aufmerksamkeit gilt Alarmsignalen wie Herz-Kreislauf-Problemen, schweren Elektrolytstörungen oder einer vollständigen Nahrungsverweigerung. Akute Gefährdung kann eine stationäre Aufnahme erforderlich machen.

Ambulant oder stationär?

Nach der Erstabklärung wird gemeinsam entschieden, welcher Behandlungsweg am sinnvollsten ist. In der Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgen zunächst psychologische und ernährungstherapeutische Erstgespräche. Anschließend werden die Befunde besprochen und individuelle Therapieempfehlungen erstellt. Diese reichen von ambulanten Kontrollterminen über ein umfassendes ambulantes Setting mit Einzeltherapie, Familientherapie und Ernährungsberatung bis hin zu einer stationären Aufnahme.

Struktur und Stabilität im stationären Alltag

Auf der Essstörungsstation der Kinder- und Jugendpsychiatrie stehen die medizinische Stabilisierung, ein strukturierter Alltag, der Ernährungsaufbau und die psychische Stabilisierung im Mittelpunkt. Dazu gehören therapeutische Einzel- und Gruppenangebote, intensive Betreuung im Stationsalltag und die Einbindung der Familie.

Das Behandlungsteam reduziert Patient:innen nicht auf ihre Erkrankung , sondern sieht sie als junge Individuen mit Stärken, Bedürfnissen und Lebensgeschichten. Die Essstörung wird als misslungener Lösungsversuch verstanden, hinter dem Belastungen und Herausforderungen stehen. Respekt, Empathie und ein individuelles Vorgehen bilden die Grundlage der Behandlung. Mit zunehmender Stabilisierung werden im Behandlungsverlauf Schritt für Schritt mehr Freiräume, Ausgänge und Aktivitäten außerhalb der Station ermöglicht. Gleichzeitig wird während des stationären Aufenthalts das ambulante Unterstützungsnetzwerk für danach aufgebaut.

Ernährung neu lernen

Ein wesentlicher Bestandteil der Therapie ist die ernährungstherapeutische Begleitung. Ziel ist es nicht nur, ausreichend Energie aufzunehmen, sondern auch wieder Vertrauen in das eigene Hunger- und Sättigungsgefühl zu entwickeln und einen entspannten Umgang mit Lebensmitteln zu erlernen. In Einzelgesprächen werden Ziele erarbeitet, sogenannte „Fear Foods“ schrittweise wieder in den Speiseplan integriert und Mahlzeiten-Strategien für zu Hause entwickelt. Eltern werden aktiv eingebunden.

Besonders wichtig sind praktische Übungen: Gemeinsames Einkaufen und Kochen trainiert den normalen Umgang mit Lebensmitteln. Genuss, Achtsamkeit und Freude am Essen stehen dabei im Vordergrund. Bewusst wird nicht über Kalorien diskutiert, sondern über ausreichende Nahrungsenergie und deren Bedeutung. Später erfolgt das Training auch außerhalb der Station, etwa beim Essen in der Klinikmensa. Dort lernen die Jugendlichen, Portionsgrößen selbst einzuschätzen und auch in ungewohnten Situationen sicher mit Essen umzugehen.

Zwei Behandlungswege: mit oder ohne Zwangsernährung

Im Falle einer stationären Aufnahme versucht das Behandlungsteam, die Nahrungsaufnahme ohne Zwang sicherzustellen. Deshalb werden Mahlzeiten eng begleitet und durch klare Strukturen unterstützt. Sollte eine ausreichende Nahrungsaufnahme auf diesem Weg nicht gelingen oder eine akute Gefährdung bestehen, wird eine Ernährung über eine Magensonde nötig. Ziel dieser Maßnahme ist die medizinische Stabilisierung des Gesundheitszustands und die Vermeidung lebensbedrohlicher Komplikationen. Auch in dieser Situation bleiben therapeutische Begleitung und der respektvolle Umgang mit den Betroffenen zentral.

Bei schwer mangelernährten Patient:innen müssen die Behandelnden zudem auf das sogenannte Refeeding-Syndrom achten. Bei der Wiederaufnahme der Nahrungszufuhr können gefährliche Stoffwechsel- und Elektrolytverschiebungen auftreten. Um Komplikationen frühzeitig zu erkennen, erfolgen regelmäßige Laborkontrollen und eine engmaschige Überwachung.

Gemeinsam genesen

Die Fortbildung machte deutlich: Essstörungen sind komplexe Erkrankungen, die eine ebenso vielschichtige Begleitung benötigen. Erfolgreiche Behandlung entsteht dort, wo medizinische Expertise, psychotherapeutische Begleitung, ernährungstherapeutisches Wissen, pflegerische Betreuung und familiäre Unterstützung zusammenwirken. Denn Essstörungen betreffen weit mehr als das Essverhalten allein. Sie erfordern medizinische, psychologische und soziale Unterstützung gleichermaßen – und vor allem Menschen, die gemeinsam an einem Strang ziehen.

Buchtipp: Über den Tellerrand hinaus – Personen mit Essstörungen verstehen und begleiten.

Dr.in Raffaela Vanzetta und Dr.in Petra Schrott geben in dem Buch „Über den Tellerrand hinaus – Personen mit Essstörungen verstehen und begleiten“ medizinisches Fachwissen in alltagstauglicher Weise weiter, um Angehörige von Menschen mit Essstörungen darin zu unterstützen, die betroffenen Personen zu verstehen und zu begleiten.

In 17 verschiedenen Kapiteln stellen sie unter anderem verschiedene Essstörungen vor, diskutieren Mythen, Fehlannahmen und mögliche Ursachen und geben Tipps für den Umgang mit Betroffenen oder besondere Situationen.

Herausgeber: Stiftung Forum Prävention ONLUS, Fachstelle Essstörungen.