Leber-Mythen im Check: Fettleber, Entgiftungskuren und Hepatitis

Leber-Mythen im Check: Fettleber, Entgiftungskuren und Hepatitis

Alkohol als häufigste Ursache für Lebererkrankungen, Entgiftungskuren als Allheilmittel für die Leber und eine Hepatitis, die nicht behandelbar ist. Diese drei Vorstellungen halten sich hartnäckig, sagt Hepatologe Dr. Ivo Graziadei, Abteilungsvorstand für Innere Medizin am LKH Hall. Im Interview räumt er mit Mythen rund um die Leber  auf und erklärt, warum es für die Leber bis heute keinen technischen Ersatz gibt, anders als für Niere oder Herz.

Prof. Dr. Ivo Graziadei steht in seiner Arbeitskleidung (weißer Kittel, blauer Kasak) im Gang des Krankenhauses Hall, im Hintergrund schieben Mitarbeiter Krankenbetten über den Flur

Herr Dr. Graziadei, für die Niere gibt es die Dialyse, für ein schwaches Herz ein Kunstherz. Warum gibt es so etwas für die Leber nicht?

Dr. Graziadei: Aufgrund der außerordentlichen funktionellen Vielfalt der Leber ist es bislang nicht gelungen, eine künstliche Leber als dauerhaften Organersatz zu entwickeln, anders als etwa bei der Niere mit der Dialyse oder beim Herzen mit mechanischen Unterstützungssystemen. Die Komplexität ihrer Funktionen lässt sich technisch bis heute nicht nachbilden.

Was leistet die Leber denn genau, dass sie sich so schwer nachbauen lässt?

Dr. Graziadei: Sie ist die zentrale Schaltstelle im Stoffwechsel und verarbeitet, was wir über die Nahrung aufnehmen. Gleichzeitig ist sie unser Entgiftungsorgan: Medikamente, Alkohol und Umweltgifte werden über die Gallenflüssigkeit ausgeschieden, die sie selbst herstellt. Dazu kommen die Speicherung von Glykogen und anderen Energieträgern, die Produktion lebenswichtiger Eiweiße, eine Immunfunktion über die sogenannten Kupffer-Zellen, die Steuerung von Schilddrüsen-, Sexual- und Stresshormonen sowie ihre Funktion als Blutreservoir.

Ist Alkohol wirklich die häufigste Ursache für Lebererkrankungen?

Dr. Graziadei: Alkohol ist tatsächlich nur für etwa ein Drittel der Lebererkrankungen die Hauptursache. Heute ist die stoffwechselbedingte Fettleber MASLD (Metabolische Dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung), die im Zusammenhang mit Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Fettstoffwechselstörungen entsteht, die häufigste Ursache. Eine sogenannte „Fettleber“ kann auch bei normalgewichtigen Menschen auftreten und wird als sogenannte „lean MASLD“ bezeichnet.

Kann eine Fettleber wieder verschwinden, wenn man etwas dagegen tut?

Dr. Graziadei: Ja, Lebensstiländerungen sind die wirksamste Behandlungsstrategie. Eine nachhaltige Gewichtsabnahme kann die Fettleber deutlich verbessern und in frühen Stadien sogar rückgängig machen. Bereits eine Gewichtsreduktion von etwa 5 Prozent des Körpergewichts kann den Fettgehalt der Leber verringern, ein Gewichtsverlust von mehr als 7 Prozent ist häufig mit einer spürbaren Verbesserung der Leberentzündung und der Vernarbung verbunden. Daneben wurden in den vergangenen Jahren mehrere Medikamente entwickelt, die in klinischen Studien vielversprechende Ergebnisse gezeigt haben, vor allem bei Menschen mit Typ-2-Diabetes. Einige davon sind in einzelnen Ländern bereits zugelassen. Ob sie das langfristige Fortschreiten der Erkrankung verhindern können und auch bei bereits bestehender Leberzirrhose wirken, wird derzeit noch untersucht.

Ein weiterer Irrtum hält sich hartnäckig: dass eine Hepatitis grundsätzlich nicht behandelbar sei.

Dr. Graziadei: Das Gegenteil ist der Fall. Dank moderner antiviraler Medikamente lässt sich Hepatitis B heute sehr effektiv kontrollieren, Hepatitis C ist in nahezu allen Fällen dauerhaft heilbar. Noch vor rund zehn Jahren zählte eine Hepatitis-C-Infektion zu den häufigsten Gründen für eine Lebertransplantation. In Ländern mit Zugang zu diesen Therapien ist sie heute nur noch selten die Ursache.

Was ist mit Entgiftungskuren? Viele schwören darauf.

Dr. Graziadei: Für sogenannte Entgiftungskuren gibt es keine wissenschaftlichen Belege, die einen gesundheitlichen Nutzen zeigen. Auch für die Einnahme von Mariendistel oder anderen pflanzlichen Präparaten liegt derzeit keine wissenschaftliche Evidenz vor, dass sie den Verlauf chronischer Lebererkrankungen nachhaltig verbessern. Zwar zeigen einzelne Studien, dass sich unter der Einnahme solcher Präparate die Leberwerte in manchen Fällen geringfügig verbessern können. Ein klinisch relevanter Nutzen – etwa eine Verbesserung der Leberfunktion, eine Rückbildung der Lebervernarbung oder eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs – konnte bislang jedoch nicht nachgewiesen werden. Aus diesem Grund werden Mariendistel und vergleichbare pflanzliche Präparate in den aktuellen Therapieempfehlungen nationaler und internationaler Leberfachgesellschaften nicht empfohlen bzw. gar nicht erwähnt.

Ein Forschungsfeld, das zuletzt viel Aufmerksamkeit bekommen hat, ist die Darm-Leber-Achse. Was verbirgt sich dahinter?

Dr. Graziadei: Die Darm-Leber-Achse hat in den letzten Jahren deutlich an wissenschaftlicher Bedeutung gewonnen. Studien der vergangenen zwei Jahre zeigen, dass die Kommunikation zwischen Darmbakterien, Gallensäuren, Immunsystem und Leber komplexer ist als bisher angenommen. Als Paradebeispiel gilt die primär sklerosierende Cholangitis, eine Erkrankung der großen Gallenwege, die eng mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen zusammenhängt. Der genaue Mechanismus dahinter ist noch nicht ausreichend verstanden, eine ursächliche medikamentöse Therapie fehlt bislang. Im fortgeschrittenen Stadium bleibt die Lebertransplantation die einzige kurative Option.

Die Leber leidet still, oft sind lange keine Symptome bemerkbar. Wie lässt sich eine Erkrankung überhaupt erkennen?

Dr. Graziadei: Wie weit eine Lebererkrankung bereits fortgeschritten ist, lässt sich mithilfe etablierter Scoring-Systeme beurteilen, die vor allem Laborwerte, teilweise aber auch klinische Befunde berücksichtigen. Je höher der Schweregrad der Erkrankung, desto geringer ist in der Regel die Regenerationsfähigkeit der Leber.

Warnzeichen einer fortgeschrittenen Lebererkrankung können insbesondere eine Gelbfärbung der Augen oder der Haut (Gelbsucht), starker Juckreiz, eine zunehmende Flüssigkeitsansammlung im Bauch mit Vergrößerung des Bauchumfangs (Aszites) sowie ungewollter Gewichtsverlust und Muskelschwund sein. Auch eine ausgeprägte Müdigkeit, Verwirrtheit oder Blutungen können weitere Hinweise auf eine fortgeschrittene Lebererkrankung, sprich Leberzirrhose sein und erfordern eine rasche medizinische Abklärung.

Kann sich eine geschädigte Leber eigentlich wieder erholen?

Dr. Graziadei: Noch vor rund 20 Jahren galt eine Leberzirrhose als vollständig irreversibel, die Transplantation als einzige kurative Behandlung. Heute wissen wir, dass sich Lebergewebe unter bestimmten Voraussetzungen zumindest teilweise regenerieren kann, wenn die Ursache der Erkrankung konsequent behandelt wird.

Der wichtigste Schritt in der Behandlung einer Lebererkrankung ist zunächst die möglichst rasche Identifikation ihrer Ursache. Nur so kann eine gezielte Therapie frühzeitig eingeleitet werden. Dazu gehört beispielsweise eine konsequente Alkoholabstinenz bei einer alkoholbedingten Lebererkrankung oder der frühzeitige Beginn einer antiviralen Therapie bei einer Virushepatitis.

Was würden Sie jemanden raten, der seine Leber langfristig gesund halten will?

Dr. Graziadei: Eine ausgewogene, mediterran geprägte Ernährung, regelmäßige Bewegung und das Erreichen eines Normalgewichts. Beim Alkohol gilt Zurückhaltung: lange Zeit galt als Obergrenze für gesunde Frauen bis zu 12 Gramm reiner Alkohol pro Tag, für gesunde Männer bis zu 24 Gramm. Inzwischen vertritt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedoch die Auffassung, dass es keine gesundheitlich völlig risikofreie Alkoholmenge gibt. Alkohol ist ein Zellgift und erhöht das Risiko für zahlreiche Erkrankungen, darunter verschiedene Krebsarten – nicht nur Leberkrebs –, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und alkoholbedingte Leberschäden. Für Menschen mit einer bestehenden Lebererkrankung gilt daher die klare Empfehlung, vollständig auf Alkohol zu verzichten.

Und ganz wichtig: regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Hausarzt oder bei einer Internistin beziehungsweise einem Internisten, bei denen unter anderem die Leberwerte bestimmt werden. Sie erkennen viele Lebererkrankungen bereits in einem frühen Stadium, in dem noch keine Beschwerden bestehen.