Stilles Leiden Reflux: Die Symptome, die viele nicht ernst nehmen

Stilles Leiden Reflux: Die Symptome, die viele nicht ernst nehmen

Wenn es einem sauer aufstößt. Reflux ist weit mehr als nur gelegentliches Sodbrennen nach üppigen Speisen. Für viele Betroffene ist die Refluxkrankheit ein alltägliches Problem, das die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann. Brennen hinter dem Brustbein, saures Aufstoßen, Husten oder Schlafstörungen sind nur einige der Symptome, die oft unterschätzt oder fehlinterpretiert werden.

Unterschiedliche Erfahrungen, medizinische Perspektiven und aktuelle Erkenntnisse wurden von Dr. Christoph Grander, Univ.-Prof. Dr. Benedikt Hofauer und ao. Univ.-Prof. Dr. Heinz Wykypiel von den tirol kliniken während der Plenumsdiskussion bei den 29. Tiroler Gesundheitsgesprächen zusammengetragen.

Reflux – was ist das eigentlich?

Reflux ist eine häufige Erkrankung, durch die Magensäure vom Magen in die Speiseröhre fließt. Die Ursache dafür ist der untere Schließmuskel der Speiseröhre, der nicht richtig funktioniert. „Symptome äußern sich beim klassischen Reflux als Sodbrennen, Heiserkeit und saures Aufstoßen“, erklärt Dr. Grander von der Gastroenterologie. Reflux betrifft in Tirol jede fünfte Person.

Sonderform „Stiller Reflux“

Es gibt nicht nur den oben beschriebenen „klassischen“ Reflux, wie Dr. Hofauer, Direktor der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, erläutert: „Reflux tritt auch im HNO-Bereich als sogenannter ‚stiller Reflux‘ auf und entsteht, wenn Magensäure bis in den Rachen- und Kehlkopfbereich vordringt und dort äußerst empfindliche Schleimhäute angreift. Das kann passieren, wenn der obere Schließmuskel der Speiseröhre eine Fehlfunktion hat.“ Stiller Reflux äußert sich durch konstante Heiserkeit und einen stark verschleimten Hals. Während im klassischen Reflux täglich 30 bis 40 Episoden wie Sodbrennen auftreten können, kommen Probleme durch stillen Reflux drei bis vier Mal pro Woche vor.

Dr. Hofauer ist Direktor der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde

Wie läuft die Diagnosefindung ab?

Vereinzelt auftretendes Sodbrennen, etwa nach einer üppigen Mahlzeit, sind noch kein Grund zur Sorge. Wenn Beschwerden jedoch über einige Wochen vermehrt vorkommen, ist ein Abklärungsgespräch mit dem Hausarzt oder der Hausärztin empfehlenswert. Sofern ernstere Warnhinweise wie Schluckstörungen, blutiges Erbrechen, Blutarmut oder ungewollter Gewichtsverlust auftreten, wird eine genauere Abklärung in Form einer Magenspiegelung notwendig. Je nach Beschwerden und Gesundheitszustand können auch speziellere Untersuchungen wie Säure- oder Druckmessungen in der Speiseröhre anfallen, wofür eine Überweisung an die Klinik bzw. entsprechende Fachärzte und Fachärztinnen nötig ist.

Was versteht man unter einem „Zwerchfellbruch“?

„Die Entwicklung von Reflux ist anatomisch bedingt“, so Dr. Wykypiel, Oberarzt der Viszeral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie. „Im Bauch herrscht ein größerer Druck als im Brustkorb – dieser Effekt wird durch Übergewicht verstärkt.“ Zwischen Magen und Brustkorb befindet sich das Zwerchfell – der wichtigste und stärkste Muskel für die Atmung. Die Speiseröhre führt vom Magen durch das Zwerchfell in den Rachenbereich und wird durch einen unteren und einen oberen Schließmuskel begrenzt. Die Schließmuskeln öffnen sich nur beim Schlucken und Aufstoßen – ansonsten bleiben sie geschlossen, damit Magensäure nicht in die Speiseröhre fließt. „Bei zu hohem Druck im Bauch kann das Zwerchfell vom Magen so weit nach oben gedrückt werden, dass die Schließmuskeln nicht mehr richtig schließen – dann spricht man von einem Zwerchfellbruch“, erklärt Dr. Wykypiel.

Welche Lebensmittel sind besonders gefährdend?

Der übermäßige Konsum von säurehaltigen und schwer verdaulichen Speisen sowie Getränken fördert Reflux. Dazu gehören unter anderem Orangen- und Tomatensaft, Kaffee, Alkohol, kohlensäurehaltige Getränke, Schokolade, Frittiertes und andere fetthaltige sowie scharfe Lebensmittel. Reflux ist durch Ernährungsgewohnheiten und Lebensstil häufig „selbstgemacht“, kann aber auch genetisch bedingt sein.

Geschützt vor Reflux ist niemand. Auch Kinder und Kleinkinder können schon Symptome zeigen. In den meisten Fällen kann man das durch eine Umstellung der Ernährung und Anpassung des Lebensstils korrigieren.

Dr. hofauer

Warum macht sich Reflux vor allem nachts bemerkbar?

In der Liegeposition hat die Magensäure durch die Speiseröhre „freie Bahn“ und kann ungehindert durchfließen, was klassischen sowie stillen Reflux stark begünstigt. „Hier kann es helfen, beim Schlafen den Oberkörper 10 bis 15 Zentimeter höher zu lagern,“ erklärt Dr. Grander. Zusätzlich kann stiller Reflux durch Schlafapnoe und Schnarchen verstärkt werden.

Was kann man gegen Reflux unternehmen?

Die besten Ergebnisse der Besserung werden meist durch eine Umstellung der Ernährung erzielt. „Eingeschränkter Konsum von Reflux-fördernden Speisen und Getränken führt dazu, dass Beschwerden seltener auftreten und nach längerer Zeit verschwinden“, weiß Dr. Grander. Außerdem hilft es in den meisten Fällen, Gewicht abzunehmen.

Dr. Grander ist Oberarzt auf der Gastroenterologie

Kleine Gewohnheiten mit großer Auswirkung

Um nächtliche Beschwerden zu vermeiden, können bereits kleine Umstellungen des Tagesablaufs helfen. „Flüssigkeiten bleiben maximal 2 Stunden lang im Magen, feste Lebensmittel bis zu 4 – 6 Stunden. Je kleiner die Mahlzeit am Abend und je größer der zeitliche Abstand von Abendessen und Schlafengehen, desto geringer sind in der Regel die Beschwerden“, beschreibt Dr. Wykypiel.

Zusammenhang zwischen Stress und Reflux

 „Durch Stress wird die Produktion von Magensäure angeregt und die Körperspannung erhöht. Durch diese Anspannung wird die Magensäure stärker nach oben Richtung Speiseröhre gedrückt,“ erklärt Dr. Wykypiel. Er empfiehlt deshalb, sich im Alltag bewusst Phasen der Entspannung zu schaffen, wie beispielsweise durch Spaziergänge oder Abschalten des Smartphones.

Wann ist ärztliche Hilfe notwendig?

Bei seltenem Auftreten und kleinen Beschwerden können schön freiverkäufliche kräuterbasierte Präparate helfen. Bei chronischem Reflux sind diese Präparate jedoch nicht hilfreich, weshalb verschreibungspflichtige Medikamente – sogenannte „Magenschutz-Präparate“ oder „Säureblocker“ – zur Reduktion von Magensäure herangezogen werden sollten.

Möglichkeit: Operation

Im Großteil der Fälle ist Reflux medikamentös gut behandelbar und verschwindet nach einiger Zeit wieder. Falls sich der Zustand trotz medikamentöser Behandlung nicht bessert, wird eine Magenspiegelung empfohlen. „Die Indikation für eine OP wird nie leichtfertig getroffen“, betont Dr. Wykypiel. Um festzustellen, ob eine Operation notwendig ist, werden zahlreiche Voruntersuchungen durchgeführt. Die tirol kliniken bieten für Patient: innen eine Reflux-Sprechstunde an der gastroenterologischen-hepatologischen Ambulanz an, in der alle auftretenden Bedenken besprochen werden können.

Dr. Wykypiel ist Oberarzt auf der Viszeral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie

Gibt es langfristige Risiken, wenn Reflux ignoriert wird?

Wenn man Reflux über einen langen Zeitraum hinweg ignoriert und nicht behandelt, kann das schwerwiegende Folgen haben. Länger anhaltende Entzündungen führen beispielsweise zu Narben und Verengungen in der Speiseröhre, wodurch Schluckstörungen entstehen können. In sehr seltenen Fällen entwickeln Betroffene auch einen Tumor.

Zusammenfassung

Reflux ist eine sehr häufige Erkrankung, die oft durch einen ungesunden Lebensstil verursacht wird, aber auch genetisch bedingt sein kann. In den meisten Fällen verhelfen Ernährungsumstellungen, Abnahme von Köpergewicht, bewusste Reduktion von Alltagsstress und ein nachts höhergelagerter Oberkörper für erhebliche Besserung.

Das Video des gesamten Gesprächs finden Sie hier zum Nachschauen: Tiroler Gesundheitsgespräche • Startseite