Hormonwandel bei Männern ab 40 Jahren verstehen

Hormonwandel bei Männern ab 40 Jahren verstehen

Hormone und Wechseljahre – ein Thema, das meist mit Frauen in Verbindung gebracht wird. Doch wie steht es eigentlich um die Männer? Gibt es auch bei ihnen so etwas wie „männliche Wechseljahre“? Genau dieser Frage widmen wir uns in diesem Blogartikel. So viel sei schon verraten: Auch bei Männern verändert sich ab der Lebensmitte der Hormonhaushalt spürbar – allerdings verläuft dieser Prozess anders als bei Frauen.

Expertenrunde zum Thema Hormone

Bei den Tiroler Gesundheitsgesprächen zum Thema „Hormone: Die unsichtbare Achterbahn unseres Lebens – bei Frau und Mann“ gaben Expertinnen und Experten der tirol kliniken einen umfassenden Einblick in die hormonellen Zusammenhänge aus beiden Blickwinkeln. Dieser Beitrag fasst die männliche Perspektive, präsentiert von Dr. Germar-Michael Pinggera, zusammen. Die weibliche Sichtweise finden Sie in einem eigenen Blogbeitrag.

Beim ORF-Podiumsgespräch mit Moderatorin Barbara Kohla (links) sprachen Urologe und Androloge Dr. Germar-Michael Pinggera (Mitte), Gynäkologin Dr. Bettina Toth (links), Patientin Marielies Schwarz-Lux (Mitte rechts) und Psychologin Dr. Barbara Mangweth-Matzak (rechts).

Was passiert im männlichen Körper?

Sowohl Frauen als auch Männer erleben ab der Lebensmitte Veränderungen im Hormonhaushalt – und die begleitenden Symptome können sich durchaus ähneln. Von einer „Andropause“ im eigentlichen Sinne oder einer „Menopause“ möchte Dr. Pinggera jedoch nicht sprechen, da ja derartige hormonelle Veränderungen nicht pausieren um sich später irgendwann sich wieder zu normalisieren. Anders als bei Frauen setzt die Hormonproduktion bei Männern nicht plötzlich aus, sondern das männliche Sexualhormon Testosteron sinkt bei manchen Männern schrittweise und oft über viele Jahre hinweg – ein langsamer, natürlicher Prozess, der bis ins hohe Alter andauern kann.

Hormone: die Steuerzentrale im Körper

Hormone sind chemische Botenstoffe, die Informationen zwischen den Zellen übermitteln und damit zahlreiche Körperfunktionen steuern – etwa Fortpflanzung, Wachstum, Stoffwechsel und Energiehaushalt. Beim Mann werden sie in verschiedenen Organen und Drüsen gebildet, vor allem im Gehirn (Hypophyse, Hypothalamus) und in den Hoden. In einem geringerem Ausmaß von wenigen Prozenten werden die männlichen Sexualhormone auch in der Nebenniere gebildet. Die Konzentration und das Zusammenspiel dieser Hormone mit feinregulierten Feedback-Schleifen bestimmen viele körperliche und seelische Prozesse – von Muskelaufbau und Vitalität bis hin zu Fruchtbarkeit, Libido, sexuelle Potenz und Stimmung.

Wie funktioniert die Produktion von Testosteron?

Beim Mann regt das luteinisierende Hormon (LH, ident zu jenen bei Frauen), das von der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) freigesetzt wird, spezialisierte Leydig-Zellen in den Hoden an, das männliche Sexualhormon Testosteron zu produzieren.

Ab der Lebensmitte wird die Hormonbildung pro Tag geringer und fällt insgesamt ab – im Durchschnitt um 0,3 % im Jahr.

Die LH-Freisetzung erfolgt bei Männern alle 90 bis 120 Minuten. Bei jungen Männern zeigt sich eine ausgeprägte Tagesrhythmik der Testosteronproduktion mit dem Höchstwert morgens (zwischen 5:30 und 10 Uhr, danach sinkt sie im Laufe des Tages ab), wie Dr. Pinggera erläutert. Ab der Lebensmitte nimmt die Hormonbildung jedoch täglich ab und sinkt insgesamt um durchschnittlich 0,3–1% jährlich. Darüber hinaus findet sich beim alternden Mann keine so ausgeprägte Tagesrhythmik mehr.

Welche Symptome können auftreten?

Durch den langsamen Hormonabfall nehmen Männer die körperlichen Folgen des Rückgangs oft weniger plötzlich und weniger intensiv wahr als Frauen. Dennoch können verschiedene Beschwerden auftreten, etwa Konzentrations- und Schlafstörungen, ein nachlassendes Interesse an Sexualität oder depressive Verstimmungen mit Melancholie-Neigung. Zudem steigt in dieser Lebensphase das Risiko für Erkrankungen wie Diabetes, Herz‑Kreislauf-Erkrankungen, Gewichtszunahme oder einem metabolisches Syndrom (vermehrtes Bauchfett, ungünstige Blutfette/Blutzucker), die mit zunehmendem Alter häufiger werden.

Männer haben oft insgesamt das Gefühl eines Leistungseinbruchs und ziehen sich aus dem sozialen Leben mehr zurück.

„Männer haben oft insgesamt das Gefühl eines Leistungseinbruchs und ziehen sich aus dem sozialen Leben – beruflich wie privat – mehr zurück“, weiß Dr. Pinggera. Studien zeigen, dass die Arbeitsleistung
unter Männern zurückgehen kann.

Ein Hypogonadismus kann diese Entwicklung zusätzlich verstärken und wirkt dabei oft doppelt belastend: Er beeinflusst nicht nur Stimmung, Antrieb und mentale Stabilität, sondern zeigt sich häufig auch körperlich – etwa durch nachlassende Leistungsfähigkeit, Muskel- und Gelenkbeschwerden, Schlafprobleme und das Gefühl, morgens nur schwer in Schwung zu kommen. Zudem sind in dieser Lebensphase nicht selten auch weitere Stoffwechselveränderungen zu beobachten, etwa eine Zunahme von Bauchfett sowie ungünstigere Blutzucker- und Fettwerte, was das Risiko für Folgeerkrankungen erhöhen kann.

Männer sprechen nicht gern über Beschwerden

Viele Männer tun sich schwer, den hormonellen Wandel im eigenen Körper zu akzeptieren und die damit verbundenen Beschwerden anzuerkennen, berichtet der Androloge. Um gezielte Lösungen anbieten zu können, muss man eine medizinische Abklärung mit einer Hormonstatusbestimmung morgens und nüchtern vornehmen. Dr. Pinggera rät daher zu Vorsorgeuntersuchungen, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.

Hormontherapie kann helfen

Bei anhaltenden Beschwerden kann bei nachgewiesenem Hormonmangel eine therapeutische Angleichung durch die Gabe von Testosteron sinnvoll sein. „Dafür steht heute eine ganze Bandbreite an Präparaten zur Verfügung – von einfach anzuwendenden Gelen oder Cremen über Injektionen bis hin zu neueren Anwendungsformen wie einem Nasenspray, das in den USA bereits verfügbar ist“, erklärt dies der Experte in seinen vielen internationalen Vorträgen.

Hormontherapie & Prostatakrebs: Was sagt die Studienlage?

Univ.-Prof.hc Dr. Germar-Michael Pinggera ist Oberarzt an der Univ.-Klinik für Urologie, Innsbruck, Leiter der Arbeitsgruppe Andrologie und Harnröhrenchirurgie.  Weiters ist er Vorsitzender des Arbeitskreises für Andrologie und sexuelle Funktionsstörung der Österrei­chischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie und Senior Advisor und Member des Senior Advisory Board des Global Andrology Forums (GAF).

Auf die Frage, ob die Zugabe von Hormonen die Entwicklung von Prostatakrebs fördern könne, verweist der Androloge auf die aktuelle Studienlage: „Männer, die kein Testosteron bekommen, haben vermutlich ein höheres Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken. Die Studien haben gezeigt, dass die Gabe von Hormonen auch Auswirkungen auf die Entwicklung von Diabetes hat – werden keine Hormone verabreicht, steigt das Risiko daran zu erkranken.  Deshalb ist das perfekte Finetuning ganz wichtig“, betont der Androloge.