Meine Mutter muss ins Heim

Die Klinik-Sozialarbeit als Drehscheibe in schwierigen Situationen

Vom eigenen Zuhause in ein Pflegeheim umziehen, das ist meist keine leichte Entscheidung. Nicht für die Betroffenen und auch nicht für die Angehörigen. Die Sozialarbeiter an der Klinik stehen mit Rat und Tat zur Seite und helfen bei der Bürokratie. Sie sind die Drehscheibe, wenn es darum geht, die beste Lösung für Patienten zu finden.

Andrea Kofler ist eine der erfahrensten Sozialarbeiterinnen an der Klinik. Sie kennt die Herausforderungen solcher Situationen, erzählt aus der Praxis und gibt Tipps für den Ernstfall.

 

Unterstützung in emotionalen Ausnahmesituationen

Sind Patienten zu einer stationären Behandlung in der Innsbrucker Klinik und können aufgrund ihres Gesundheitszustandes nicht mehr nach Hause, beginnt oft eine emotionale Achterbahnfahrt, die außerdem mit Zeitdruck und viel organisatorischem Aufwand verbunden ist. Ratlosigkeit, Überforderung, Verzweiflung aber letztlich mitunter Erleichterung sind im Spiel.

Gut zu wissen, dass einem jemand in solchen Situationen zur Seite steht und kompetente Unterstützung anbietet. 26 Sozialarbeiter gibt es an der Innsbrucker Klinik. Sie werden von Ärzten, Pflegepersonal oder auch Angehörigen um Beratung gebeten, wenn jemand ins Pflegeheim muss.

 

Gespräche führen, Angst nehmen

„Wir reden mit den Betroffenen entweder im Beisein der Angehörigen oder ohne. Je nachdem, wie es die individuelle Situation erfordert. Manche sind froh, wenn sie ins Heim dürfen, andere wollen das überhaupt nicht. In diesem Fall fragen wir, ob sie wissen, wie das Heim ist oder versuchen herauszufinden, was ihnen Angst macht. Wir versuchen eine ruhige, angenehme Atmosphäre für die Gespräche zu schaffen.“

Eines ist aber auch klar, sagt Andrea Kofler: „Niemand wird gegen seinen Willen in ein Heim gebracht. Wir können nur unterstützen, eine Anmeldung vornehmen oder für ambulante Betreuung zu Hause sorgen. Selbständig auf die Toilette gehen zu können, das ist allerdings die Grundvoraussetzung, damit man trotz ambulanter Hilfe alleine daheim bleiben kann. Es braucht immer individuelle Lösungen, manchmal ist bei aller Sturheit Überzeugungsarbeit notwendig, dass es daheim nicht mehr geht.“

 

Von der Pflegegeldeinstufung bis zur Heimanmeldung

Die Sozialarbeiter helfen auch bei den Formalitäten. Sie wissen, wie ein Antrag auf Pflegegeldeinstufung gestellt wird, was bei einer Anmeldung im Heim zu tun ist und welche Dokumente man benötigt. Eine große Unterstützung in solchen oft turbulenten Situationen. „Wir nehmen Angehörigen Dinge ab und können durch unsere Erfahrung viel an Organisation schnell abwickeln. Sich in belastenden Situationen mit Behörden herumzuschlagen, ist schließlich nicht ganz einfach“, schildert Kofler.

Die menschliche Komponente im Mittelpunkt

Ein weiteres Problem ist allerdings: Oft gibt es keinen Heimplatz, wenn gerade einer gebraucht wird, denn die Plätze sind rar. Dann greifen Andrea Kofler und ihre Kollegen selbst zum Telefonhörer, suchen nach Möglichkeiten und versuchen rasch eine Lösung zu finden. „Wir lassen uns aber zeitlich nicht unter Druck setzen. Wer nicht entlassen werden kann und keinen Heimplatz hat, bleibt so lange in medizinischer Betreuung an der Klinik. Sollte dies nicht möglich sein, wird für die Übergangszeit ein Platz in Natters oder Hochzirl gesucht.“

Die Klinik ist ein Großbetrieb und das kann auch eine Herausforderung sein: „Wir schauen, dass im manchmal hektischen Betrieb nichts untergeht und die menschliche Komponente erhalten bleibt. Wie wir das Beste für die Patienten erreichen, das steht für uns im Mittelpunkt.“

 

Früh entscheiden, heißt selbst entscheiden können

Ganz grundsätzlich empfiehlt Andrea Kofler Entscheidungsmöglichkeiten zu nutzen, so lange dies aktiv möglich ist: „Viele Menschen machen sich keine Gedanken was passiert, wenn sie älter werden und auf Hilfe angewiesen sind. Im Akutfall, wenn man in der Notaufnahme steht, wird es natürlich schwieriger. Eine frühzeitige Anmeldung im Altersheim kann durchaus Sinn machen, denn dann sind alle notwendigen Dokumente vorhanden und wenn es notwendig ist, können wir Sozialarbeiter schnell den Rest übernehmen.“

 

Hilfe und Beratung bei Demenz

Bei Demenzerkrankungen gilt es ebenso frühestmöglich Vorkehrungen zu treffen und sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Dazu gehört auch, sich falls notwendig um eine Erwachsenenvertretung zu kümmern. Hilfreiche Informationen für Betroffene und Angehörige bietet die Koordinationsstelle für Demenz in Tirol.

 

Sich langsam an Unterstützung von Fremden gewöhnen

Als Vorbereitung können Gespräche mit dem Hausarzt helfen und auch die Pflegeheime vor Ort bieten Beratungen oder Besichtigungstermine an. Je früher man ambulante Unterstützung holt, desto leichter können sich alle Beteiligten daran gewöhnen, dass Fremde nach Hause kommen. Speziell im Dorf gibt es noch eine Hemmschwelle, da Unterstützung zu brauchen, oft mit Scham verbunden ist.

„Auch wenn man dem Partner oder der Partnerin versprochen hat, sich um ihn oder sie zu kümmern, kommt doch oft der Moment, wo es zu Hause nicht mehr geht. Manche Patienten wollen trotz fortgeschrittener Pflegestufe keine Hilfe von außen annehmen. Dann gilt es die pflegenden Angehörigen zu bestärken, dennoch Hilfe anzunehmen“, sagt Kofler. „Die Betreuung im Pflegeheim kann durchaus das Beste für die Patienten sein und das ist letztlich das wichtigste.“

 

Zur Person:

Andrea Kofler arbeitet seit dem Jahr 1995 an der Innsbrucker Klinik und ist damit eine der dienstältesten Sozialarbeiter. Direkt nach der Ausbildung hat sie hier begonnen und zu Beginn mit HIV- bzw. Aidspatienten gearbeitet. Viele Stationen und Kliniken hat sie durchlaufen, viel gesehen und einen reichen Erfahrungsschatz angesammelt. Seit August ist sie an der Inneren Medizin im Einsatz. „Ich schätze das eigenverantwortliche Arbeiten. In belastenden Situationen unterstützen wir uns gegenseitig und tauschen uns in Gesprächen aus. Abgrenzung ist aber auch wichtig“, schildert Kofler. Regelmäßige Supervisionstermine gibt es ebenfalls.

Seit 1965 gibt es Sozialarbeiter an der Klinik. Anfangs nur für Psychiatriepatienten, heute an allen Kliniken außer der Augenklinik. Sozialarbeiter an der Klinik haben dadurch ein sehr breites Aufgabengebiet.

 

Text: Julia Hitthaler, Bilder: Gerhard Berger

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