Rund 140 Gelenke sorgen für die Beweglichkeit unseres Körpers. Verletzungen, Erkrankungen oder auch Abnützung durch Fehlbelastungen können die Gelenksfunktion einschränken und zu Schmerzen führen. HOCH³ hat nachgefragt, was es für gesunde Gelenke braucht: Was stört das richtige Zusammenspiel der Gelenke? Bei welchem Krankheitsbild kann eine Eigenbluttherapie helfen? Worauf kommt es in Therapie und Training an?
Redaktion: Teresa Lackner-Pöschl, Michaela Speckbacher
Fotos: Gerhard Berger, tirol kliniken
Michael Dobner rotiert das Gelenk seiner Patientin und erklärt: „Ein gesundes Gelenk hat natürlicherweise ein gesundes Ausmaß an ‚Gelenkspiel‘, das bedeutet eine gewisse Flexibilität in alle Richtungen.“ Der erfahrene Arzt und Manualmediziner am Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Innsbrucker Klinik fühlt bei der Untersuchung eines Gelenks, ob Versteifungen in der Gelenkskapsel vorliegen oder auch eine Überbeweglichkeit, eine sogenannte Hypermobilität. Beides erfordert weitere Abklärungen oder Therapie.
Gesunde Gelenke: Der richtige Spielraum
„Ein harter, knöcherner Widerstand kann eine Folge von Arthrose sein oder von wiederholten Entzündungen eines Rheumagelenks“, erklärt der Mediziner. „Hypermobile Gelenke neigen dazu – durch Knorpelabnützung oder auch Verrenkungen – frühzeitig Schäden zu bekommen.“

Der häufigste Fall an der Innsbrucker Klinik ist aber die Behandlung von Gelenken nach Verletzungen oder einem Unfall. Nach der akuten Versorgung, wie einer Ruhigstellung oder Operation, heißt es dann in der Genesungszeit, das Gelenk mit Unterstützung von Physiotherapie wieder in Bewegung zu bringen.
Verletzungen können sich aber auch langfristig auswirken, wie auch Oberarzt Alexander Keiler von der Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie weiß: „Gerade nach Verletzungen entwickeln sich oft über Jahre Veränderungen im Gelenk.“ Der Fußspezialist bringt in solchen Fällen eine spezielle Therapie zum Einsatz: die Eigenbluttherapie.
Körpereigene Medizin
In der Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie in Innsbruck ist diese Methode seit einigen Jahren fixer Bestandteil im Behandlungsspektrum bei Gelenk- und Sehnenbeschwerden. „Wir nehmen dem Patienten Blut ab und bereiten es direkt auf“, erklärt Fußspezialist Alexander Keiler. „Am Ende bleibt das plättchenreiche Plasma übrig, das wir gezielt dort injizieren, wo das Problem liegt.“
Dieses Plasma enthält Botenstoffe, die entzündungshemmend wirken und Regenerationsprozesse unterstützen können. Eingesetzt wird die Therapie unter anderem bei
- Sehnenentzündungen
- Überlastungsreaktionen
- Fersensporn
- beginnender Arthrose.
Drei Injektionen und Geduld
Die Anwendung erfolgt in mehreren Schritten. „In der Regel sind es drei Injektionen im Abstand von einigen Wochen“, so Keiler. Entscheidend ist dabei die Erwartung: „Es ist keine schnelle Lösung, sondern eher eine, die Zeit braucht.“ Die Behandlung selbst und die Reaktion des Körpers in den Tagen danach wird als unangenehm empfunden, die Anpassung im Gewebe kann auch kurzfristig Schmerzen auslösen. Die volle Wirkung setzt meistens nach ein paar Monaten ein.
Es ist keine schnelle Lösung, sondern eher eine, die Zeit braucht.
Alexander Keiler
Neben der Linderung von Beschwerden von Langzeitfolgen nach Verletzungen setzt Keiler diese Methode auch bei chronischen Sehnenproblemen ein: „Zum Beispiel bei der Achillessehne – da ist die Behandlung oft schwierig“, erklärt er. Ein Patient, der ihm in Erinnerung geblieben ist, ist ein ambitionierter Läufer mit hohem Trainingspensum: „Er hatte einen langen Leidensweg hinter sich. Mit der Eigenbluttherapie konnte er wieder schrittweise ins Training einsteigen.“
Zurück in die Wand
Auch aus dem unfallchirurgischen Alltag kennt Keiler eindrückliche Verläufe. „Ich betreue viele sehr aktive Menschen – etwa Kletterer, die nach schweren Verletzungen wieder zurück auf die Wand wollen.“ Ein Patient, den er nach einem Sturz aus großer Höhe operiert hatte, schickt ihm bis heute regelmäßig Fotos vom Eisklettern. „Die Gelenke waren komplett zerstört, aber wenn Menschen motiviert sind, ist oft viel möglich – auch wenn der Weg dorthin lang sein kann und manches nicht mehr so ist wie vorher.“

Interdisziplinäres Zusammenspiel
Die Eigenbluttherapie allein ist jedoch kein Allheilmittel und immer Teil eines Gesamtkonzepts. „Wie auch nach einer Operation oder dem Einsatz einer Gelenksprothese ist auch hier eine aktive Nachbehandlung entscheidend“, sind sich die Mediziner Keiler und Dobner einig. Ein abgestimmter Therapieplan aus physio- und auch ergotherapeutischen Maßnahmen ist zentraler Teil eines optimalen Genesungskonzepts.
Der Aufbau und die Stärkung der Muskulatur brauchen Zeit, ist aber notwendig, um die Vorteile des neuen Gelenks im Alltag dann auch voll zu spüren. Michael Dobner
Viele Patient:innen unterschätzen nach einer Operation am Gelenk die Rehabilitationszeit: „Wenn jemand aufgrund von Gelenksschäden jahrelang Schmerzen hat, in der Bewegung eingeschränkt war und dadurch Muskeln abgebaut hat, dann ist es zum Beispiel mit einem Gelenksersatz alleine nicht getan“, beschreibt Dobner. „Der Aufbau und die Stärkung der Muskulatur brauchen Zeit, ist aber notwendig, um die Vorteile des neuen Gelenks im Alltag dann auch voll zu spüren.“ Gerade deshalb empfiehlt der Experte bereits vor einer geplanten Gelenks-OP, die betroffene Muskulatur im Rahmen der individuellen Möglichkeiten zu stärken.
Mehr zum Thema Gelenksersatz und Vorbereitung auf Gelenks-OPs lesen Sie in unseren Blogartikeln: Faszination OP: Die Profis, ein Patient und ein neues Hüftgelenk. | tirol kliniken Blog und Gut vorbereitet in den OP-Saal | tirol kliniken Blog
Muskelaufbau: Spieler und Gegenspieler
Fehlbelastungen können auch gesunde Gelenke schädigen, um das zu vermeiden braucht es das richtige Zusammenspiel der verschiedenen Muskelgruppen. „Wenn eine Muskelgruppe bevorzugt wird, kann das die schwächeren Muskeln hemmen“, erklärt Dobner. „Das hat Auswirkungen auf das Gelenk: Man kann sich das wie ein Fahrrad vorstellen, bei dem der Reifen eiert. Das Gelenk ‚läuft‘ dann nicht optimal.“
Falsches oder unausgewogenes Trainieren kann langfristig Auswirkungen auf die Gelenke haben oder auch kurzfristig zu Verspannungen und Schmerzen führen. Also immer auf die Balance und die richtige Technik achten. Michael Dobner
Es kommt also auf die gleichmäßige Kräftigung der relevanten Muskelpartien an. Übrigens nicht nur in der Therapie und Rehabilitation, sondern auch beim Training im Fitnesscenter: „Trainingsverletzungen sehen wir nicht häufig, kommen aber vor. Falsches oder unausgewogenes Trainieren kann langfristig Auswirkungen auf die Gelenke haben oder auch kurzfristig zu Verspannungen und Schmerzen führen. Also immer auf die Balance und die richtige Technik achten.“ Für gesunde Gelenke, die mobil bleiben.
Dieser Artikel im Magazin HOCH³ veröffentlicht: Unter dem Titel „Gelenkspiel wurde dieser Artikel in der Sommerausgabe „SPIEL“ des tirol kliniken-Magazins HOCH³ veröffentlicht. Die Printversion lesen Sie hier. Alle weiteren Ausgaben des Magazins HOCH³ finden Sie im Archiv HOCH³ | tirol kliniken


