Blutdruckmedikamente, Cholesterinsenker, Schmerzmittel oder pflanzliche Präparate: Viele Menschen nehmen mehrere Arzneimittel gleichzeitig ein. Damit steigt auch das Risiko für Neben- und Wechselwirkungen. Medikamentensicherheit gewinnt vor allem bei Menschen mit chronischen Erkrankungen zunehmend an Bedeutung. Welche Gefahren dabei bestehen und wie sich diese vermeiden lassen, war Thema der 32. Tiroler Gesundheitsgespräche der tirol kliniken am 17. September 2026, dem Internationalen Tag der Patientensicherheit.

Zu Gast waren Romuald Bellmann, stellvertretender Leiter der Internistischen Intensiv- und Notfallmedizin an den Universitätskliniken für Innere Medizin Innsbruck und Vorsitzender der Sektion Klinische Pharmakologie der Österreichischen Pharmakologischen Gesellschaft, sowie Martina Jeske, Leiterin der Anstaltsapotheke an den tirol kliniken und Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Österreichischer Krankenhausapotheker:innen.
Mehrere Medikamente gleichzeitig: Warum Wechselwirkungen häufiger werden
Ausgangspunkt der Diskussion war die Feststellung, dass rund 40 Prozent der Menschen ab 65 Jahren mindestens zwei chronische Erkrankungen haben. Zu den Erkrankungen, die nach Mediziner Romuald Bellmanns Angaben häufig eine besonders intensive und vielfältige Medikation erfordern, zählen unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen, Erkrankungen des blutbildenden Systems, chronische Schmerzzustände und Erkrankungen des Bewegungsapparats. Kommen mehrere Erkrankungen gleichzeitig vor, lassen sich Leitlinien nicht einfach kombinieren, gefragt sei eine maßgeschneiderte Therapie.
Wie schnell das Risiko steigt, zeigt eine skandinavische Untersuchung mit über 500.000 Verordnungen und 125.000 Menschen: Wer täglich zehn Medikamente einnimmt, hat ein rund zehnprozentiges Risiko für potenziell schwerwiegende Wechselwirkungen.
In dieser Studie wurde bei Personen mit zehn Medikamenten nahezu immer zumindest eine weniger relevante potentielle Wechselwirkung identifiziert, die Aufmerksamkeit oder Überwachung erforderte. Bellmann verwies darauf, dass das Risiko für Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit der Anzahl der eingenommenen Medikamente stark zunimmt. Dabei ist nicht jede Wechselwirkung automatisch gefährlich, manche werden toleriert oder sogar therapeutisch genutzt. Entscheidend ist die individuelle Bewertung, und genau darin liegt die Schwierigkeit.

Wechselwirkungen erkennen: Warum Risiken oft erst spät auffallen
Besonders tückisch sind Wechselwirkungen, die sich nicht sofort als solche zeigen. Pharmazeutin Martina Jeske nannte ein typisches Beispiel: ein Medikament gegen Blasenschwäche, ein Antiallergikum, ein Antidepressivum, jedes für sich unauffällig, kann in Kombination aber Auslöser für Verwirrtheit und Stürze sein. Jeske verwies darauf, dass nicht immer ein einzelnes Medikament verantwortlich ist, sondern oft mehrere Wirkstoffe gemeinsam zu Problemen führen können. Ein Effekt, der bei älteren Menschen schnell fälschlich dem Alter zugeschrieben wird, tatsächlich aber medikamentös bedingt sein kann.
Auch bei Nahrungsmitteln und pflanzlichen Präparaten ist Vorsicht geboten. Grapefruitsaft hemmt den Abbau verschiedener Medikamente. Dadurch können höhere Konzentrationen im Blut erreicht werden und Nebenwirkungen auftreten. Johanniskraut wirkt umgekehrt: Es beschleunigt den Abbau zahlreicher Wirkstoffe. Bei bestimmten Medikamenten kann dies schwerwiegende Folgen haben, etwa wenn Immunsuppressiva nach einer Organtransplantation oder Krebsmedikamente nicht mehr ausreichend wirken. Bellmann betonte, dass auch pflanzliche Präparate Nebenwirkungen haben und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten verursachen können. Auch Ginkgo-Präparate, die viele Menschen einnehmen, beeinflussen die Blutgerinnung.
Bei älteren Menschen verändern sich zudem Nierenfunktion und Stoffwechsel. Manche Medikamente, die jüngere Menschen problemlos vertragen, gelten im Alter als „potenziell inadäquate Medikation“ (PIM). Dabei handelt es sich um Arzneimittel, deren Nutzen-Risiko-Verhältnis bei älteren Menschen ungünstiger sein kann.
Elektronischer Medikationsplan, Interaktionschecks und KI: Was technische Unterstützung leisten kann
An den tirol kliniken kommen bereits elektronische Interaktionscheck-Systeme zum Einsatz. Sie warnen bei möglichen Wechselwirkungen. Die Bewertung bleibt aber Aufgabe der Ärztinnen und Ärzte.
Ein elektronischer Medikationsplan, der einen stets aktuellen Überblick über die verschriebenen Medikamente ermöglichen soll, ist für die kommenden Jahre angekündigt. Bis dahin empfehlen beide Fachleute, eine aktuelle Medikamentenliste stets mitzuführen. An der Neurologie am Landeskrankenhaus Hochzirl läuft dazu bereits ein Pilotprojekt: Ein strukturierter Entlassungs-Medikationsplan wird gemeinsam mit einer klinischen Pharmazeutin erstellt und an Hausärztinnen und Hausärzte sowie Apotheken übermittelt.

Die Anstaltsapotheke der tirol kliniken, eine von 43 Krankenhausapotheken Österreichs und die einzige in Tirol, versorgt neben den eigenen Häusern noch 16 weitere Krankenanstalten und medizinische Einrichtungen. Das sind, wie in der Diskussion erwähnt, an die 5.000 oder mehr Betten. Seit Jänner 2025 läuft an der Landespflegeklinik ein Modell des sogenannten geschlossenen Medikationsmanagements mit elektronischer Verordnung, individueller Verblisterung der Medikamente und mehrfacher Kontrolle durch Ärzteschaft, Apotheke und Pflege. Jeske verwies auf das mehrstufige Sicherheitsprinzip, bei dem ärztliches Personal, Apotheke und Pflege gemeinsam den Medikationsprozess kontrollieren.
Medikamentensicherheit im Alltag: Was Patientinnen und Patienten selbst tun können
Beide Fachleute betonten wiederholt die Bedeutung von Kommunikation und Zusammenarbeit bei der Medikamentensicherheit. Sie geben folgende konkrete Empfehlungen für Patientinnen und Patienten:
- Die eigenen Medikamente kennen, zumindest ihre Hauptwirkung, im Idealfall auch ihre Namen.
- Eine vollständige, aktuelle Liste aller eingenommenen Mittel mitführen, auch für Fachärztinnen und Fachärzte außerhalb der eigenen Grunderkrankung.
- Wirklich alles angeben, auch selbst gekaufte Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche Präparate wie Johanniskraut oder Ginkgo.
- Ehrlich sagen, wenn ein Medikament abgesetzt oder nicht regelmäßig eingenommen wird.
- Die Packungsbeilage lesen, ohne sich von der Liste seltener Nebenwirkungen abschrecken zu lassen. Sie hilft, Symptome später richtig einzuordnen.
- Bei Warnsignalen wie ungewöhnlicher Müdigkeit, Verwirrtheit, Übelkeit oder schwarzem Stuhl, einem möglichen Hinweis auf eine Blutung unter gerinnungshemmenden Medikamenten, nachfragen statt abwarten.
Patientensicherheit durch Zusammenarbeit und Kommunikation
Bellmann betonte, dass auch die beste Technik das ärztliche Gespräch nicht ersetzen könne. Zum Abschluss zeigte sich Jeske überzeugt, dass persönliche Beratung und der direkte Austausch mit Fachpersonen auch künftig eine zentrale Rolle spielen werden.
Die Moderation brachte den Abend abschließend auf den Punkt: Medikamentensicherheit sei eine gemeinsame Aufgabe von Gesundheitsberufen, Gesundheitssystem und Betroffenen. Eine sichere Therapie entstehe durch Wissen, Kommunikation und Zusammenarbeit.
Das gesamte Gespräch können Sie auch als Video nachschauen. Hier geht’s zum Mitschnitt: Tiroler Gesundheitsgespräche • Startseite
Auf diesem Blog ist auch ein weiteres Interview mit Pharmazeutin Martina Jeske zum Thema Sichere Arzneimittelversorgung im Klinikalltag: die Rolle der Krankenhausapotheke erschienen.
Für diese Zusammenfassung kam eine KI-Assistenz zum Einsatz – die inhaltliche Endkontrolle erfolgte durch unsere Redaktion.


