Skills Night an den tirol kliniken: Eine Nacht in der simulierten Notaufnahme

Skills Night an den tirol kliniken: Eine Nacht in der simulierten Notaufnahme

Kunstblut, Fake-Wunden und schmerzverzerrte Gesichter – alles nur Theater? Nein, die Skills Night ist nicht nur realitätsnah, sondern bedeutet echten Stress, fragt nach echtem Fachwissen und auch echter Schlafmangel zehrt an den Kräften: 48 Studierende der Medizin und der Pflegewissenschaften sind jedes Jahr gefordert, wenn in der simulierten Nachtschicht der Alarm losgeht. Wir haben Rafaela, Laura, Patrizia und Philip durch die Nacht begleitet.

Wer wird zuerst behandelt?

Wartebereich oder sofort in den Behandlungsraum? Wenn sich Patient:innen in der Notaufnahme „die Klinke in die Hand geben“, braucht es eine fachliche Ersteinschätzung der Dringlichkeit.
Der Einsatz des Skills Night-Team beginnt:

Skills Night: 1 Nacht, 12 Fälle

„Jede Simulation folgt einem strengen Rhythmus“, beschreibt Anästhesiepflegerin Laura Sieberer. Als Teil des Organisationsteams kennt sie jeden Fall: „Alarmierung per QR-Code, 20 Minuten Einsatz, danach Debriefing und Teaching.“ Das Ziel ist klar: Notfälle bewältigen – und dabei lernen, als Team zu funktionieren. Die Szenarien sind so vielfältig wie der Klinikalltag selbst. Von der Urosepsis über Polytrauma bis zur Geburt – zwölf Fälle, zwölf Fachrichtungen. In jedem Raum begleiten ein:e Tutor:in und eine Pflegeperson vom Fach das laufende Fallbeispiel, bringen praktische Erfahrung ein und sorgen für fachlichen Input. Zwei „Oberärzte“, gespielt von Assistenzärzten, stehen jederzeit auf Abruf zur Verfügung – wie in einer echten Nachtschicht. So entsteht eine Lernumgebung, die realitätsnah ist – und gleichzeitig etwas ermöglicht, das im Alltag oft zu kurz kommt: Berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit von Anfang an.

Zwischen Alarm und Analyse

Nach jedem Einsatz folgt der ruhigste – und vielleicht wichtigste – Teil: das Debriefing. Intensivpfleger Matthias Feichter, ebenfalls Skills Night-Mitorganisator, begleitet die Teams durch die Nacht: „Im Debriefing sprechen die Studierenden darüber, was gut lief, wo sie gezögert haben, was sie beim nächsten Mal anders machen würden. Der Fokus liegt weniger auf der perfekten medizinischen Lösung als auf Teamarbeit und Kommunikation.“ Diese Reflexion macht die Nacht erst vollständig. Simulation allein reicht nicht – sie muss eingeordnet werden.

180 Ehrenamtliche im Einsatz für die Ausbildung

Die komplexe Übung ist das Ergebnis enormen Engagements: Rund 180 Beteiligte tragen die Skills Night – vollständig ehrenamtlich. Neben dem Organisationsteam wirken Schauspielpatient:innen, Tutor:innen sowie medizinische Expert:innen und ein Rettungsdienst mit. Ein Aufwand, der sich lohnt, sind Laura Sieberer und Matthias Feichter überzeugt: „Bei uns auf der Anästhesie trainieren wir viel mit Simulationen und wissen, wie viel man dabei lernen kann. Beim Berufseinstieg sind oft viele Unsicherheiten da – wie gehe ich mit einem Notfall um, welche Rolle habe ich im Team? Außerdem bekommen die Studierenden in einer Nacht einen Einblick in ganz viele verschiedene Fachrichtungen.“ Simulationsbasiertes lernen ist das Motto. Situationen kennen, bevor man den ersten richtigen Notfall händeln muss.

Interprofessionelles Arbeiten wird geübt

Die interprofessionelle Zusammenarbeit im Team zieht sich durch: Es gibt keine starren Hierarchien, der Team-Lead rotiert. Mal ist es Philip, der Entscheidungen trifft, dann wieder Laura. Genau darin liegt der Kern des Konzepts: frühzeitig lernen, auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Im echten Klinikalltag ist das nicht immer selbstverständlich. Besonders junge Pflegekräfte halten sich oft zurück, obwohl sie Beobachtungen machen, die entscheidend sein könnten. Die Simulation soll das verändern – sie schafft einen Raum, in dem „Speak-up“ nicht nur erlaubt, sondern notwendig ist.

Wenn Simulation unter die Haut geht

Die Skillsnight zeigt bei allen 12 Teams: Nicht alles gelingt. Im Laufe der Stunden kommt es zu Fehlern – falsch dosierte Medikamente – kurze Blackouts – wie hießen nochmal die Entzündungswerte im Blutbild – Unstimmigkeiten im Vorgehen. Entscheidungen werden zu spät getroffen, Abläufe geraten ins Stocken. Um 1:30 Uhr steht eine Teilnehmerin am Gang, sichtlich getroffen. Plötzlich fließen Tränen, weil es nicht so lief, wie sie es sich vorgenommen hatte. Sofort nimmt Organisatorin Laura Sieberer die Studentin zur Seite und kümmert sich. Kurze Pause, bevor es weitergeht. Doch genau darin liegt ein wesentlicher Teil der Skills Night: Fehler dürfen passieren – hier, in der Simulation, damit man für den Ernstfall aus dieser Erfahrung lernt.

Labor und Gebärdendolmetsch

Neben Medizin- und Pflegestudierenden sind auch andere Berufsgruppen eingebunden. Auszubildende Biomedizinische Analytiker:innen der fh gesundheit arbeiten parallel in einem simulierten Labor an eigenen Szenarien und liefern diagnostische Befunde. Gleichzeitig sind Auszubildende für Gebärdendolmetschen gemeinsam mit ihren Ausbildner:innen vor Ort und unterstützen die Teams dort, wo Sprache zur Herausforderung wird.

Die Idee zur ersten Skills Night im April 2023 stammte von den Medizinstudenten Marc Kalenka und Nikolas Schmidbauer. Organisiert wurde immer im Team, heuer waren mit dabei: Studierende der Humanmedizin (David Pichler, Franziska Buschert, Benedikt Brida, Valentin Hauler, Gabriel Eisenköck), Anästhesie- und Intensivpflege:iInnen der tirol kliniken (Laura Sieberer, Matthias Feichter) und externe Diplomierte Pflegekräfte (Ivan Abbinante, Marlene Tothill). Unterstützung gab es außerdem von weiteren Pflegekräften der tirol kliniken, Schauspieler:innen und über 50 studentischen Tutor:innen, die allesamt ehrenamtlich arbeiten.

Das Programm umfasst insgesamt drei Tage. Freitag und Samstag bestehen aus Workshops und Vorträgen zu Themen der Notfallmedizin. Das Herzstück von Samstag auf Sonntag ist eine simulierte Nachtschicht in einer eigens dafür aufgebauten Notaufnahme.  Im September 2024 wurde die Skills Night mit dem österreichischen Staatspreis für exzellente Lehre – dem Ars Docendi – ausgezeichnet.

Dieser Bericht von Michaela Speckbacher und Teresa Lackner-Pöschl ist auch im HOCH3-Magazin „SPIEL“ der tirol kliniken erschienen.

Bildergalerie Skills Night 2026
Fotos: Michaela Speckbacher