Frauen, Männer, Gesundheit: Was die Medizin lange übersehen hat – und warum Gendermedizin das ändert

Frauen, Männer, Gesundheit: Was die Medizin lange übersehen hat – und warum Gendermedizin das ändert

Geschlecht beeinflusst unsere Gesundheit weit stärker, als vielen bewusst ist. Frauen und Männer erkranken anders, zeigen andere Symptome, sprechen unterschiedlich auf Medikamente an und werden dennoch oft nach denselben Standards behandelt. Die Folgen reichen von Fehldiagnosen bis hin zu vermeidbaren Risiken.

Im Zuge der 30. Ausgabe der Tiroler Gesundheitsgespräche wurde von Angelika Bader (Leiterin des Frauengesundheitszentrums Univ. Klinik Innsbruck als Allgemein- und Gendermedizinerin), Nikola Komlenac (Psychologe und erste habilitierte Person im deutschsprachigen Raum im Fach Gendermedizin und Diversität), Lena Tschiderer (Assistenzprofessorin für kardiovaskuläre Epidemiologie am Institut für Klinische Epidemiologie ) und Margit Lechner (betroffene Patientin) beleuchtet, was die Medizin lange übersehen hat, warum Gendermedizin heute unverzichtbar ist und wie eine moderne Gesundheitsversorgung aussehen muss, die alle Menschen im Blick hat.

Teilnehmer:innen des 30. Tiroler Gesundheitsgespräch (v.l.n.r.): Moderatorin Barbara Kohl, Allgemein- und Gendermedizinerin Angelika Bader, Psychologe Nikola Komlenac, Patientin Margit Lechner und Assistenzprofessorin am Institut für klinische Epidemiologie Lena Tschiderer

Was ist Gendermedizin?

Gendermedizin ist ein Teil der Humanmedizin, der die Geschlechtlichkeit der Menschen berücksichtigt, um dabei Unterschiede und Gemeinsamkeiten bezüglich Symptomatik, Diagnostik, Behandlung und Forschung in Betracht zu ziehen. Damit ist sie eine fundierte Wissenschaft, die für die ganzheitliche Gesundheitsversorgung von Menschen jeden Geschlechts notwendig ist. Dabei sollen Stereotypen beiseitegeschafft und vor allem Gemeinsamkeiten kommuniziert werden. In der Gendermedizin spielen nicht nur biologische, sondern auch psychosoziale Faktoren eine Rolle, wodurch wertvolle innovative Erkenntnisse gewonnen werden können, erklärt der Nikola Komlenac, Psychologe und erste habilitierte Person im deutschsprachigen Raum im Fach Gendermedizin und Diversität.

Nikola Komlenac erklärt die Komplexität der Gendermedizin

Warum ist Gendermedizin relevant?

In der Medizin gilt prinzipiell: Je länger die Diagnosefindung aufgrund von unklaren Symptomen dauert, desto mehr Lebensqualität der betroffenen Person geht verloren. Die Gendermedizin hat sich erst in den 2000er-Jahren in Europa etabliert. Deshalb hat man verhältnismäßig spät erkannt, dass sich die Symptomatiken für dieselbe Diagnose zwischen Männern und Frauen unterscheiden können. Dies gilt auch bezüglich der Reaktion auf gewisse Medikamente. Frauen werden deshalb immer noch regelmäßig falsch diagnostiziert und behandelt.

Unerkannte Symptome und Fehldiagnosen

Margit Lechner ist pensionierte Pädagogin, die über ihre Erfahrungen mit Gendermedizin als Patientin spricht. „Solange ich keine Beschwerden hatte, habe ich mich eigentlich nie mit Medizin beschäftigt“, erzählt sie beim 30. Tiroler Gesundheitsgespräch. Beim Autofahren ist ihr dann eines Tages aus heiterem Himmel so schwindelig geworden, dass sie in die Notaufnahme gebracht wurde. Dort vermutete man eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs, woraufhin man sie stationär in der Klinik behalten hat. Allerdings verschwand der Schwindel am nächsten Tag , was bei dieser Diagnose äußerst ungewöhnlich ist – deshalb hat man noch einmal nachgesehen. Die tatsächliche Diagnose: Schlaganfall.

Margit Lechner berichtet von ihren Erfahrungen mit der Gendermedizin

Geschlechtsspezifische Unterschiede – Beispiel Schlaganfall

Angelika Bader, Leiterin des Frauengesundheitszentrums der Univ. Klinik Innsbruck als Allgemein- und Gendermedizinerin, erläutert, dass Frauen in vielen Fällen andere Symptome für Krankheiten zeigen als Männer, wie Frau Lechners Beispiel verdeutlicht. Die „klassischen“ Symptome bei einem Schlaganfall umfassen Taubheitsgefühle und „Einschlafen“ einer Gesichtshälfte. Bei Frauen äußert sich ein Schlaganfall auch durch Übelkeit und Schwindel, was auch Symptome für zahlreiche andere Krankheiten sein könnten. Der Ansatz der Gendermedizin berücksichtigt diese Umstände und bezieht bei der Erstbehandlung bereits mehrere Möglichkeiten der Diagnose mit ein.

Anschauliches Beispiel: Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Lena Tschiderer, Assistenzprofessorin für kardiovaskuläre Epidemiologie am Institut für Klinische Epidemiologie, erklärt, dass in ihrem Fachgebiet der Großteil aller klinischen Studien ausschließlich mit Männern durchgeführt wurde. Jahrzehntelang wurde davon ausgegangen, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems seien „Männersache“. Der globale Durchschnitt zeigt jedoch, dass die Todesfälle durch kardiovaskuläre Erkrankungen bei Männern und Frauen gleich hoch sind. In Tirol liegt die Sterberate von Frauen sogar um 4% höher. Das liegt unter anderem daran, dass Frauen durchschnittlich mehr Stress ausgesetzt sind als Männer, und durch Stress steigt das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Außerdem stellt eine Schwangerschaft einen großen Risikofaktor für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen dar, vor allem im Fall einer Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung).

Lena Tschiderer erläutert vorhanden Defizite in der Forschung

Unterschiedlich Wirkung von Medikamenten

Nach ihrer Diagnose wurden Frau Lechner mehrere Medikamente verschrieben, die sie nur mit Widerwillen eingenommen hat, da ihr Bluthochdruck dadurch angestiegen ist. Zahlreiche Diskussionen mit ihrem Hausarzt konnten an der Situation nichts verbessern. Schließlich hat sie den Tipp bekommen, einen Termin an der Frauenambulanz an der Universitätsklinik Innsbruck zu vereinbaren. Durch geschlechterspezifische Beratung und Behandlung konnten die Medikamente letztendlich so umgestellt werden, dass Frau Lechners Bluthochdruck wieder normale Werte angenommen hat. Heute ist sie beschwerdefrei und lernt sogar ein neues Instrument.

„Typisch“ weibliche/“typisch“ männliche Krankheitsbilder?

Von zahlreichen Krankheitsbildern gibt es die Annahme, sie kämen ausschließlich bei einem Geschlecht vor: „Nur Frauen werden depressiv“, zum Beispiel. Während psychologische Störungen und Belastungsstörungen statistisch gesehen bei Frauen schon häufiger vorkommen als bei Männern, bedeutet das nicht, dass Männer deswegen nicht auch von diesen Krankheiten betroffen sind. Durch die Stereotypisierung „Emotionen sind Frauensache“ kann man als Mann schlecht verbalisieren, was einem tatsächlich fehlt. Deshalb erkennen Männer oft nicht, dass sie an einer Depression leiden.

Wertneutraler Ansatz gegenüber Patient:innen

In der Gendermedizin ist es deshalb besonders wichtig, als behandelnder Arzt bzw. als behandelnde Ärztin wertneutral gegenüber Patient:innen zu stehen. Aufgrund des Geschlechts im Vorhinein Annahmen wie „Männer möchten nicht über Emotionen reden“ zu treffen, ist bei der Anamnese nicht hilfreich, sondern im Gegenteil sogar hinderlich, so Komlenac.

Warum ignorierte man Frauen in der medizinischen Forschung so lange?

Frauen wurden deshalb lange in keine klinischen Studien miteinbezogen, da man sich nicht sicher war, ob diese Studien negative Auswirkungen auf die weibliche Gesundheit haben könnten. Komlenac bezeichnet dies als „falschen Protektionismus“, da durch diese Art des Schutzes nicht viel über die Auswirkungen gewisser Medikamente auf Frauen bekannt ist. Man ist deshalb davon ausgegangen, dass sich die weibliche Gesundheit gleich verhält wie die männliche – was sich nach einigen Jahrzehnten als nur teilweise richtig herausgestellt hat.

Die Expert:innen tragen ihre Erfahrungen zusammen

Wurden auch Männer in der Medizin vernachlässigt?

Nicht nur über Frauen gab es lange Zeit falsche Annahmen bezüglich ihrer Gesundheit. Es wurde lange davon ausgegangen, dass Männer keinen Brustkrebs bekommen könnten, was inzwischen widerlegt ist. Auch Osteoporose wurde sehr lange als „Frauenkrankheit“ gesehen. Dennoch ist der Großteil der klinischen Forschung immer noch auf Männer ausgerichtet, weshalb der Bedarf für Frauenambulanzen aktuell dringlicher ist als der für Männerambulanzen. In Zukunft könnte sich das laut Herrn Komlenac jedoch ändern.

Aus- und Weiterbildung im Bereich der Gendermedizin

Die Medizinische Universität Innsbruck hat das Fach Gendermedizin verpflichtend ins Curriculum der Humanmedizin aufgenommen. Außerdem hat Innsbruck das einzige Frauengesundheitszentrum Österreichs, das im Ausbildungszentrum West (azw) untergebracht ist. Damit ist der Grundstein gelegt, dass Gendermedizin in Zukunft ein fester Bestandteil der medizinischen Grundversorgung wird.