10 – 15 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind Linkshänder. Das heißt, sie bevorzugen die linke Hand für Tätigkeiten, die kräftiger, schneller, präziser und mit höherer Feinmotorik ausgeführt werden müssen. Der Grund, wieso manche Menschen Linkshänder sind, ist nicht vollständig erforscht. Man geht von verschiedenen Faktoren aus: kulturelle, genetische, hormonelle und natürlich spielt Nachahmung eine Rolle. Univ.-Prof. Margarete Delazer, Psychologin an der Innsbrucker Univ.-Klinik für Neurologie erklärt uns aus neuropsychologischer Sicht die Linkshändigkeit. Zu den Fähigkeiten und Schwierigkeiten, mit denen linkshändige Kinder umgehen müssen, haben wir auch die Ergotherapeutinnen der Innsbrucker Kinderklinik Ingeborg Steiner und Veronika Mauracher befragt.

 

Univ.-Prof. Margarete Delazer, Psychologin an der Innsbrucker Univ.-Klinik für Neurologie

Wann in der Entwicklung eines Kindes entscheidet sich, ob es Links- oder Rechtshänder wird?

Oft sieht man schon auf Ultraschallbildern pränatal, dass ein Kind bevorzugt an einem Daumen nuckelt.  Im Lauf der Kleinkindentwicklung festigt sich die individuelle Vorliebe einer Hand für geschickte Tätigkeiten. Bis zum Schulalter ist die Dominanz einer Hand ausgebildet. Es gibt jedoch keinen bekannten Zeitpunkt in der Entwicklung, zu dem die Händigkeit eindeutig festgelegt wird.

 

Welche Vorgänge sind im Gehirn bei den Linkshändern anders als bei Rechtshändern?

Die rechte Hand wird von der linken Hemisphäre gesteuert, die linke Hand von der rechten Hemisphäre. Bei Rechtshändern ist also die linke Hemisphäre für Feinmotorik und geschickte Tätigkeiten zuständig, bei Linkshändern ist es die rechte Hemisphäre. Oft geht man davon aus, dass die Sprache nur in der linken Gehirnhälfte gesteuert wird. Dem ist aber nicht so. Bei Linkshändern zeigt sich öfter als bei Rechtshändern eine beidhemisphärische, also eine beidseitige, Verteilung. Wo das Sprachenzentrum sitzt, macht im Alltag keinen Unterschied. Bei Verletzungen am Kopf kann eine Verteilung auf beide Gehirnhälften jedoch schon von Vorteil sein.

 

Kann Linkshändigkeit vererbt werden?

Wie bereits weiter oben angeführt, spielt auch die Genetik eine Rolle. Jedoch nicht ausschließlich. Oft meinen Eltern, dass im gesamten familiären Umfeld niemand Linkshänder ist. Jedoch ist sehr oft schlichtweg nicht bekannt, dass gerade in der Generation der Großeltern noch sehr viele Kinder auf Rechtshändigkeit „umerzogen“ wurden.

 

Ist ein Zusammenhang zwischen der „Händigkeit“ und anderen dominanten Körperteilen (Füßigkeit) bekannt?

Das Team der Ergotherapeutinnen der Innsbrucker Kinderklinik: von links nach rechts: Ingeborg Steiner; Lorena Mayr, BSc; Martina Weiss; Veronika Mauracher, MSc.

Meist ist auch ein Bein geschickter, schneller und kann besser springen. Die Füßigkeit ist jedoch weniger ausgeprägt. Der Anteil der Personen, die den linken Fuß bevorzugen, ist höher als jene, die die linke Hand bevorzugen. Auch im Bereich der Ohren und Augen ist eine bevorzugte Seite beobachtbar. Oft sind Rechtshänder auch „Rechtsfüßer“, es gibt aber auch „gekreuzte“ Vorlieben.  Überkreuzungen können eine zusätzliche Herausforderung darstellen. Die verschiedenen Kombinationen weisen darauf hin, dass es keinen ursächlichen Zusammenhang gibt.

 

Gibt es Fähigkeiten oder Schwierigkeiten, die man vermehrt bei Linkshänder bemerkt?

Die deutlichsten Schwierigkeiten ergeben sich dann, wenn linkshändige Kinder zu Rechtshändern erzogen werden. Bis zum heutigen Tag wird die rechte Hand als die „schöne“ Hand bezeichnet, man verwendet sie ja auch zum Händeschütteln. Werden Kinder „umgelernt“ (das heißt zum Schreiben mir der rechten Hand gezwungen), so kann dies große Probleme verursachen, unter denen diese Kinder ihr Leben lang leiden und die die weitere Schullaufbahn negativ beeinflussen können.

Eine Fähigkeit, die Linkshänderkindern von klein auf abverlangt wird, ist die rasche Suche nach Alternativen. Unsere Welt ist auf Rechtshändigkeit ausgelegt. Man muss sich vorstellen, dass rechtshändige Eltern ihren Kindern praktisch alle Alltagsbewegungen von rechts zeigen. Das Besteck wird für Rechtshänder aufgedeckt, meist wird von rechts gespielt, vorgelesen etc. Linkshändige Kinder müssen neben dem Verarbeiten der neuen Informationen zusätzlich noch jede Bewegung für sich adaptieren. Die meisten Kinder schaffen das, ohne dass sich die Umgebung dessen bewusst wird.

 

Welchen Tipp könnten Sie Eltern von Linkshänderkindern weitergeben?

Das Wichtigste ist: Bitte möglichst wenig beeinflussen! Eltern sollten Stereotype vermeiden und eine beidhändige Welt anbieten. Scheren für Links- und für Rechtshänder anbieten, das Besteck in die Mitte des Tellers legen und von einer Mitte im Körper ausgehen. Somit kann das Kind vollkommen wertfrei für sich die stärkere Seite entdecken. Wenn Schwierigkeiten im Alltag oder in der Schule sichtbar werden, sollten Eltern rechtzeitig bei Ergotherapeuten und/oder Psychologen Rat einholen.

 

Vielen Dank für die Interviews!

 

Bilder: Adobestock (Titelbild), tirol kliniken/Ndayisaba (Portrait), tirol kliniken/Seiwald (Gruppenfoto)